100 Tage große Koalition
Komplizierte Mechanik

Seit 100 Tagen regiert die große Koalition in Berlin mit Reparaturen im laufenden Betrieb. Der Motor lief noch längst nicht rund, die Zahnräder griffen nicht alle nahtlos ineinander. Eine Pause kann sich die schwarz-rote Regierung allerdings nicht erlauben.

1. REIBUNGSLOS: Der Empfang im Kanzleramt ist ebenso professionell wie freundlich. Als Kanzlerin Angela Merkel und ihr Vize Franz Müntefering an zwei Abenden der vergangenen Woche die Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaften zum Gedankenaustausch treffen, scheinen sich drei Jahrzehnte politischer Gegnerschaft zwischen Union und SPD aufzulösen wie der Rauch aus Münteferings Zigarillos. Jeweils vier Stunden lang spielen sich die beiden Gastgeber routiniert die Bälle zu und demonstrieren perfekte schwarz-rote Harmonie. "Das war bemerkenswert", staunt anschließend ein Teilnehmer. "Nahtlos abgestimmt" sei der Regierungsauftritt gewesen und "vollkommen rund", urteilt ein anderer Augenzeuge. Bis ins Detail funktioniert die Zusammenarbeit des Spitzenduos der großen Koalition: Nachdem der deutsche Rotwein am ersten Abend bei den Gästen auf wenig Gegenliebe stößt, wird am zweiten Abend ein italienischer Tropfen kredenzt.

2. UNWUCHTEN: Doch das Bild trügt. Sicher, Nörgel-Deutschland scheint sich trotz der fünf Millionen Arbeitslosen in ein gut gelauntes "Land des Lächelns" zu verwandeln, wie ein Nachrichtenmagazin spottet. Aber ganz reibungslos funktioniert die schwarz-rote Zwangsehe dann doch nicht. Nicht erst, seit SPD-Chef Matthias Platzeck in einem Interview forderte, dass im Konflikt um das iranische Atomprogramm die "militärische Option vom Tisch müsse", steigt hinter den Kulissen die Nervosität. "Wir haben Außenminister Steinmeier in der CIA-Affäre gedeckt und nun dies", giften Unionspolitiker. Mehrfach hatten sich zuvor bereits die Generalsekretäre von Union und SPD gegenseitig mangelnde Verlässlichkeit vorgeworfen.

3.GETRIEBE: Das könne auch kaum anders sein, erwidern die Betroffenen: "Wir lernen noch." Tatsächlich dauert es, bis sich das große Rad der großen Koalition mit seiner komplizierten Mechanik dreht. Denn das Getriebe funktioniert nur, wenn die vielen Rädchen in Regierung, Fraktionen und Parteien ineinandergreifen. Mit dem detailliert ausformulierten Koalitionsvertrag wollten die Zwangs-Koalitionäre die Schrauben so fest anziehen, dass weder Leerlauf noch Blockade entstehen kann. Zudem bessern die "Chef-Mechaniker" der großen Koalition, Kanzleramtschef Thomas de Maiziere und die Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder (CDU) und Peter Struck (SPD) im laufenden Betrieb nach.

Als feste "Wartungsstunden" für den reparaturanfälligen Betrieb sind zudem monatliche Koalitionsrunden vorgesehen. Ritualisiert ist etwa auch der Ablauf des Mittwochvormittags: Zunächst kommen Unions- und SPD-Minister um acht Uhr getrennt zu einem Arbeitsfrühstück zusammen, dann fährt Müntefering gegen neun Uhr ins Kanzleramt, um mit Merkel die wichtigsten Tagesordnungspunkte der Kabinettssitzung vorab zu besprechen. Schließlich kommt die gesamte Ministerrunde zusammen. Ohnehin pflegen Müntefering und Merkel einen extrem kurzen Draht. Täglich stehen sie über Telefon oder SMS in Kontakt. "Wir haben gelernt, dass wir uns aufeinander verlassen und einander vertrauen können", lobt der SPD-Vize schon früh. Um das gegenseitige Verständnis auch der restlichen Mannschaft zu vertiefen, lädt Merkel das Kabinett Anfang Januar zu einer ersten Klausurtagung in das brandenburgische Schloss Genshagen.

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