109. Ärztetag
Finger in der Wunde

Die Ärzte zeigen sich auf dem 109. Ärztetag in Magdeburg wild entschlossen, höhere Honorare und kürzere Arbeitszeiten durchzusetzen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt signalisiert Verständnis. Doch bezahlen müssen alles die Versicherten.

BERLIN. „Ich lerne Norwegisch“. Das Bild eines Medizinstudenten, der dieses Plakat bei einer der jüngsten Ärztedemonstrationen gegen die deutsche Gesundheitspolitik vor sich hertrug, hielt am gestrigen Dienstag Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe bei der Eröffnung des 109. Ärztetages in die Fernsehkameras. Es sei ein Beleg für die wachsende Bereitschaft des Medizinernachwuchses, ins Ausland abzuwandern, sagte Hoppe.

Tatsächlich haben bislang 12 000 deutsche Ärzte diesen Schritt getan. Sie fliehen, glaubt man dem obersten Vertreter der Ärzteschaft, vor Marathondiensten an deutschen Krankenhäusern, befristeten Knebelverträgen mit Klinikchefs, überbordender Bürokratie, Checklisten-Medizin und Honorarverfall in der niedergelassenen Praxis. Ein Drittel ihrer Arbeitszeit leisteten Deutschlands Mediziner wegen gedeckelter Honorartöpfe der Krankenkassen bereits unentgeltlich – im Gegenwert von zehn Milliarden Euro, so Hoppe.

Die Analyse mag übertrieben sein. Fernab von der Realität ist sie nicht. Allein seit 1990 hat sich die Zahl der Ärzte um rund ein Viertel auf über 370 000 erhöht. Die knappen Finanzmittel der gesetzlichen Krankenkassen müssen daher auf immer mehr Mediziner verteilt werden. Eine Folge davon ist, dass die Einkommen der Ärzte seit über einem Jahrzehnt kaum noch steigen. Vor allem die hausärztliche Versorgung wird mit Jahreseinkommen von 100 000 (Großbritannien) bis 140 000 Euro (USA) in vergleichbaren Industrieländern weit besser vergütet als hier zu Lande mit knappen 87 000 Euro.

Gleichzeitig leistet sich das deutsche Gesundheitssystem allerdings auch mehr Mediziner als die meisten anderen OECD-Staaten. Die Ärztedichte pro 100 000 Einwohner ist rund 70 Prozent höher als beispielsweise in Großbritannien. Vor allem in den Großstädten konstatieren die Kassen eine seit Jahren zunehmende Überversorgung. So gibt es in München doppelt so viele Internisten, wie medizinisch erforderlich wären. Auch die Einkommen der überzähligen Mediziner müssen aber gezahlt werden. Sie schaffen sich, so die Analyse der Experten, ihre Nachfrage selbst: Die Kassenärztlichen Vereinigungen sorgen durch ein kompliziertes Honorarverteilungssystem dafür, dass auch überflüssig erbrachte Leistungen bezahlt werden.

Vergleichbare Überkapazitäten gibt es auch bei der Krankenhausversorgung. Nach Schätzungen der Krankenkassen sind 30 Prozent der Krankenhausbetten zu viel. „Wir haben also nicht so sehr ein Finanzierungsproblem als ein Struktur- und Verteilungsproblem,“ meint der bayerische AOK-Chef Fritz Schösser. Gäbe es diese Überkapazitäten nicht, könnten die im System verbleibenden Ärzte besser bezahlt werden.

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