15. Jahrestag der Leipziger Montagsdemonstration
Thierse ruft Ostdeutsche zu mehr Mut auf

Zum Jahrestag der Leipziger Montagsdemonstration hat Bundestagspräsident Thierse die Ostdeutschen aufgefordert, aus ihrer damaligen Erfahrung Mut für künftige Veränderungen zu schöpfen.

HB BERLIN. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat die Ostdeutschen zu mehr Selbstbewusstsein bei den Reformen in Deutschland aufgefordert. Zum 15. Jahrestag der Demonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig sagte Thierse am Samstag, aus der Erinnerung an die friedliche Revolution erwachse die Kraft, sich neuen Aufgaben und bitteren Veränderungen zu stellen. In Leipzig wurde mit dem traditionellen Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche an die Montagsdemonstration erinnert, bei der mehr als 70.000 Menschen für Reformen in der DDR auf die Straße gegangen waren.

Thierse sagte in einer Rede, die Ostdeutschen hätten sich in der Revolution ein Kapital an Mut, Risikobereitschaft und Aufbruchsgeist erkämpft. Dazu kämen die Erfahrungen mit Reformen und Veränderungen seither. «Von unserer Transformationserfahrung können Reformunwillige in West und Ost durchaus lernen», betonte er.

Der 9. Oktober 1989 in Leipzig war laut Thierse ein Sieg über die Angst. Dem sei ein Aufbruch der politischen Hoffnung gefolgt, eine Geschichte der gemeinsamen Überwindung von Zaghaftigkeit und Feigheit, Resignation und Verzweiflung. «Dieses Glück sollten wir nicht übersehen oder verdrängen, auch angesichts und trotz der prosaischen, ja schmerzlichen Alltagsprobleme, mit denen wir uns seither herumplagen», mahnte der Bundestagspräsident.

Der Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, sagte in seiner Predigt, die Mauern in den Köpfen seien vielerorts stehen geblieben. Sie bestünden sowohl zwischen neuen und alten Bundesländern als auch zwischen Arm und Reich. Um diese Mauern zu überwinden müsse man jetzt «gegen alles Erstarrte und gegen depressiven Frust» ankämpfen, sagte Führer, der einer der wichtigsten Persönlichkeiten bei den friedlichen Protesten gewesen war. «Demokratie verlangt das Engagement aller Bürger», betonte er mit Blick auf die geringe Beteiligung bei der Landtagswahl in Sachsen.

Auch Thierse hatte zuvor eingeräumt, dass die Vorstellung, das westdeutsche Wirtschaftswunder im Osten wiederholen zu können, eine Illusion gewesen sei. Man habe übersehen, dass die Ordnung, in die sich Ostdeutschland hineintransformierte, selbst in höchstem Maße reformbedürftig war. «Die Reformunwilligkeit des Westens damals war geradezu überwältigend», erinnerte Thierse. Es trage zur schlechten Laune zwischen Ost und West bei, dass die Bereitschaft sehr selten sei, sich zu solchen Fehleinschätzungen zu bekennen.

Der SPD-Politiker betonte aber, die Ostdeutschen könnten nicht darauf warten, dass die gleichwertigen Lebensverhältnisse von oben oder aus dem Westen kämen. Stattdessen müssten diese von den Ostdeutschen mit solidarischer Hilfe selbst geschaffen werden.

Der Dirigent Kurt Masur wurde am Samstag in Münster mit dem Westfälischen Friedenspreis ausgezeichnet. Er erhielt die mit 25 000 Euro dotierte Ehrung für seinen Einsatz für den Frieden während der Montagsdemonstrationen in der DDR im Herbst 1989.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%