20 Jahre Ost-West-Kluft: Statistiker dämpfen Einheits-Euphorie

20 Jahre Ost-West-Kluft
Statistiker dämpfen Einheits-Euphorie

Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung herrscht noch eine tiefe wirtschaftliche Kluft zwischen Ost und West. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt und beim Einkommen gebe es trotz einer Annäherung noch deutliche Unterschiede, sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, am Mittwoch in Berlin. Hier sei die Einheit eher noch Wunschdenken. Wirklichkeit geworden sei sie aber in Teilen des Privatlebens.
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HB BERLIN. Trotz unterschiedlicher finanzieller Möglichkeiten sei das Konsumverhalten der Bürger praktisch identisch. Ob Ost oder West - die Deutschen geben rund die Hälfte ihres Konsums für Wohnung, Essen und Bekleidung aus. Auch die Ausstattung der Haushalte mit Telefon, Fernseher, Handy oder MP3-Player sei fast gleich. „Um von einheitlichen Lebensbedingungen sprechen zu können, gibt es noch eine Menge zu tun“, betonte Egeler. Dies gelte allerdings auch für den Vergleich zwischen Nord und Süd, alt und jung sowie Stadt und Land. Hier sei die Politik gefordert.

Die Statistiker legten einen Bericht „20 Jahre Deutsche Einheit - Wunsch oder Wirklichkeit“ vor. Demnach leben im Osten rund 1,7 Mio. weniger Menschen als noch 1990. Im Westen und im gesamten Land hingegen stieg die Bevölkerungszahl. Allein das Wirtschaftsboomland Bayern konnte eine Million neue Einwohner begrüßen. Zudem sanken die Geburtenzahlen im Osten wesentlich stärker als im Westen. Die Lebenserwartung verbesserte sich zwar deutlich, liegt aber noch unter dem Niveau in den alten Ländern.

Beim Verdienst holten die Arbeitnehmer zwischen Rügen und dem Erzgebirge zunächst deutlich auf: Strichen sie 1991 nur 47 Prozent des Westniveaus ein, verdienten sie fünf Jahre später bereits 73 Prozent vom Lohn oder Gehalt ihrer Kollegen in den alten Ländern. Seitdem stagniert die Angleichung aber fast: 2009 lag das Verdienstniveau des Ostens bei 77 Prozent.

Auch beim verfügbaren Einkommen haben die Bürger im Osten noch deutlich das Nachsehen. Pro Kopf hatten sie 2008 im Schnitt rund 15 500 Euro als Konsumbudget, im Westen waren es 20 000 Euro. Dabei profitierten die Bürger in den neuen Ländern deutlich von staatlichen Transferleistungen wie Arbeitslosengeld. Im Osten gibt es anteilig etwa doppelt so viele Hartz-IV-Empfänger wie im Westen. Wie aus weiteren Daten der Statistiker hervorgeht, sind die Ostdeutschen auch stärker armutsgefährdet: Dies gilt für gut 20 Prozent der Einwohner Sachsen-Anhalts und für fast ein Viertel der Bürger von Mecklenburg-Vorpommern. Bundesweit gelten 14,6 Prozent als von Armut bedroht: Sie verfügen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland.

Weit vorne liegt der Osten jedoch bei der Betreuung von Kindern. Im Schnitt besuchen 45 Prozent der unter Dreijährigen eine Kita und damit drei Mal so viele wie im Westen. Allerdings arbeiten im Westen auch deutlich mehr Frauen in Teilzeit.

Die Bundesregierung hat jüngst eine insgesamt positive Bilanz für die Zeit seit der Wiedervereinigung gezogen. Allerdings hatte Innenminister Thomas de Maiziere eingeräumt, dass es Licht und Schatten gebe. Der Osten habe zwar bei Wirtschaftskraft und Lebenserwartung deutlich aufgeholt. Annähernd gleiche Einkommen werde es womöglich erst in zehn Jahren geben. Vor allem die großen Unterschiede bei der Vermögensverteilung dürften erst in ein oder zwei Generationen überwunden sein.

Kommentare zu " 20 Jahre Ost-West-Kluft: Statistiker dämpfen Einheits-Euphorie"

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  • @Kommentar 1+3, ohne Namen.
    Danke für den Link aus der SZ. in der SZ finden Sie mich seit Mitte 2008 unter Geronimo. (mit Punkt).

    Wenn das alles ist, was Sie kritisieren können, mein Alter, und kein einziges sachliches Argument hervorbringen, um auch nur ansatzweise irgend ein Wort in Zweifel zu ziehen, zumindest könnte man es versuchen, aber dazu benötigt man Gehirnzellen. Da gebe ich ihnen Recht.

    Auf Grund ihres verzweifelten Versuchs Kritik zu üben, gehe ich mal davon aus, dass Sie aus dem Reich der „Mistgabel-Schwinger“ kommen.

  • dass es nun zu hauf mehr millionärsvillen in leipzig und dresden gibt, ist doch nix neues. Dort sind ja auch die niedrigsten sätze für grunderwerbssteuer und courtage zu finden oder? und da die häuserpreise dort noch moderat sind, kann man sich halt was extra leisten. das hat nix mit diesem aufgequirltem quatsch von soliverschwendung zu tun. steuern werden zu hauf auch verschwendet, ergo kann bzw. MUSS der Soli auch verschwendet werden. ist doch klaro oder?

  • Eine kleine Argumentationshilfe @ Siggi40-Derbesserwisser

    http://www.sueddeutsche.de/politik/ostdeutschland-frauen-verzweifelt-gesucht-1.784869

    Denken bevor Sie andere verschlimmbessern!
    Nun gut Sie scheinen alt zu sein,
    deshalb verzeihe ich ihren gelegentlichen Aussetzern.

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