2004 - Das annus horribilis der Parteigeschichte
Abgestürzt und wieder aufgestanden

Zwischen Verrätern und Blockierern – Wie Gerhard Schröder das Krisenjahr 2004 als Bundeskanzler überlebte.

BERLIN Sie begannen stümperhaft und steigerten sich zum Desaster, der Kanzler und die Sozialdemokraten des Jahres 2004, das getrost als annus horribilis der Parteigeschichte gelten kann. Der Kanzler musste den Parteivorsitz abgeben, Wähler, Gewerkschaften und Mitglieder wendeten sich zuhauf ab, die Union sah sich schon im Kanzleramt. Doch Überraschung: Zu Weihnachten scheint das Gröbste überstanden.

Angenommen, der Auftakt zum „Jahr der Innovation“ wäre nicht verstolpert worden – es hätte auch nicht geholfen. Im Januar brodelt in der Partei und den Gewerkschaften der Unmut gegen die Agenda 2010, Abgeordnete kommen wie geprügelte Hunde aus den Wahlkreisen, und über allem hängt die Angst vor dem Superwahljahr 2004.

Am 8. Februar ist es so weit: Bevor andere ihm die Führung entreißen, übergibt Gerhard Schröder überraschend den Parteivorsitz an Franz Müntefering, der zur letzten Hoffnung wird: Der treue Sauerländer tritt an zum Kampf an zwei Fronten: den Genossen neue Zuversicht einhauchen, das „Glaubwürdigkeitsproblem“ der SPD lösen und zugleich die Reformagenda durchboxen. Kurz darauf setzen in den Umfragen nicht einmal mehr ein Viertel der Deutschen auf die seit sechs Jahren regierenden Sozialdemokraten.

Schon ist die Rede vom „Kanzler auf Abruf“, von der Kanzlerdämmerung. Der widmet sich fortan, ganz Staatsmann, der Außenpolitik und insbesondere dem Kampf um einen Sitz im Uno-Sicherheitsrat. Sein zweites Anliegen werden Bildung und Forschung, denen er sogar die Eigenheimzulage opfern will. Der Nur-Noch-Kanzler wirkt unmotiviert und blass.

Die Schlagzeilen beherrscht der Bruderkampf zwischen „Verrätern“ und „Blockierern“, wie sich Gewerkschafter und Parteiführung gegenseitig verunglimpfen, nun scheint auch der endgültige Bruch der historischen Partnerschaft möglich. Die Hitze des Juni bringt den Showdown, IG-Metall-Chef Peters droht, sich „neue Partner“ zu suchen. Am linken Rand winken schon die Ex-SPDler seiner Gewerkschaft mit dem Statut einer neue Linkspartei. Und Oskar Lafontaine stänkert von links. Die historischen Wahlniederlagen in Hamburg, Thüringen und vor allem Europa passen perfekt ins trübe Bild.

Seite 1:

Abgestürzt und wieder aufgestanden

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%