35-Jährige gilt schon lange als Nachwuchshoffnung
Wie Andrea Nahles den Parteichef stürzte

Kanzler Gerhard Schröder war sichtlich verärgert. So etwas gebe es bisweilen in Parteien, sagte er gestern Abend: „Dass der Ehrgeiz Einzelner vor der Verantwortung für das Ganze rangiert.“ Den Adressaten dieses Vorwurfs musste Schröder nicht benennen: Es ist die 35-jährige Parteilinke Andrea Nahles.

doe/HB BERLIN. Mit ihrer Kandidatur für den Posten des Generalsekretärs hat die Literaturwissenschaftlerin mit der Löwenmähne ein Erdbeben ausgelöst, das das Machtgefüge von Parteichef Franz Müntefering zum Einsturz brachte und die Partei in eine schwere Krise stürzte. Letztlich könnte die Entwicklung sie sogar den angestrebten Posten des Generalsekretärs kosten, wie Parteivize Wolfgang Thierse andeutete: „Wir sind in einer veränderten Situation. Da können auch die bisherigen Verabredungen so nicht mehr gelten.“

Der Sprecher der ostdeutschen SPD-Bundestagsabgeordneten, Stephan Hilsberg, hat Nahles zum Rückzug aufgefordert. Wessen strategische Fähigkeiten darin bestünden, „die Partei erst einmal kopflos zu machen und den eigenen Vorsitzenden zu entmachten, der diskreditiert sich selbst für dieses Amt“, sagte der Brandenburger Parlamentarier der Chemnitzer „Freien Presse“. Mit der Wahl von Nahles sei die SPD aus einer komfortablen Situation in eine möglicherweise über Wochen andauernde Krise hineingeschlittert. „Das hätte jedem im Parteivorstand klar sein müssen, auch Andrea Nahles“, fuhr Hilsberg fort. Jetzt gehe es für die SPD darum, mit einem anständigen Krisenmanagement schnell wieder in ruhiges Fahrwasser zu kommen.

Nach Ansicht des rechten SPD-Flügels Seeheimer Kreis ist die Wahl von Nahles als Generalsekretärin auf dem Parteitag in zwei Wochen nach ihrem Vorgehen im Vorstand „unvorstellbar“. Sie forderten auch den sofortigen Rücktritt der stellvertretenden Parteivorsitzenden Heidemarie Wieczorek-Zeul. Nach dem Rückzug von Parteichef Franz Müntefering müsse die Entwicklungsministerin unverzüglich ihr Parteiamt zur Verfügung stellen, hieß es am Montag in einer Erklärung. Es gebe keinen Grund mehr für Wieczorek-Zeul, „durch ihr Beharren auf der Position des Vize-Parteivorsitzenden der eingeleiteten personellen Verjüngung im Wege zu stehen“.

Man kann getrost unterstellen, dass diese Entwicklung von Nahles so nicht gewollt war. Ihre Unterstützer zeigten sich denn auch ehrlich geschockt von der Ankündigung Münteferings, für das Amt des Parteichefs nicht mehr zu kandidieren. Ganz offensichtlich hatten sie geglaubt, die Partei mit Nahles als Generalsekretärin ein Stück von der Regierungsarbeit zu entkoppeln und auf eine möglicherweise rot-rot-grüne Machtperspektive 2009 vorbereiten zu können, während Müntefering als Vizekanzler in der großen Koalition um politische Erfolge kämpfte.

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