60 Großkraftwerke gegen in den nächsten 20 Jahren vom Netz
Energieindustrie kämpft um die Kohle

Offiziell wird in Berlin allseits abgewiegelt vor dem Treffen der Vorstandsvorsitzenden der vier großen deutschen Energieversorger heute Abend mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD): Beschlüsse seien nicht zu erwarten, sagt Schröder. Es gehe lediglich um einen Meinungsaustausch, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium von Wolfgang Clement (SPD). Sogar Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne), der im Gegensatz zu Clement nicht eingeladen ist, redet von einem ganz normalen Treffen. Dies habe ihm Clement in einem Telefongespräch am Montag versichert, erfuhr das Handelsblatt.

DÜSSELDORF/BERLIN. Unter der Hand aber heißt es in Industriekreisen: Die Energieunternehmen wollen sich der Unterstützung des Kanzlers versichern – gegen Trittin und gegen neue Umweltauflagen. Die Vorstandsvorsitzenden von Eon, Wulf Bernotat, von RWE, Harry Roels, von Vattenfall Europe, Klaus Rauscher, und von der Energie Baden-Württemberg AG, Utz Claassen, sehen enormen Klärungsbedarf in der Energiepolitik: Vor allem fürchten sie den Emissionshandel, der ab 2005 in Deutschland für den Ausstoß von Treibhausgasen teure Verschmutzungsrechte vorsieht. Je nachdem wie die Vorgabe aus Brüssel, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) zu senken, umgesetzt werden, könnte sich die Branche dramatisch verändern: Der wichtigste Energieträger des Landes, die Kohle, könnte sich verteuern, die Windkraft Marktanteile gewinnen. Daher geht es beim Emissionshandel um den Energiemix der Zukunft.

„Umwelt- und Klimaschutz sind notwendig und werden von der Industrie sehr ernst genommen“, sagt Carsten Kreklau, energiepolitischer Hauptgeschäftsführer beim BDI. Für die Grundlast seien aber auf lange Sicht fossile Energieträger wie Kohle unverzichtbar.

Fast 80 Prozent des Stroms in Deutschland stammt aus Kohle und Kernkraft. Die meisten dieser Kraftwerke müssen demnächst wegen Atomausstieg und Überalterung (Kohle) ersetzt werden. In den nächsten 20 Jahren gehen so 60 Großkraftwerke vom Netz. Investitionen von 30 bis 40 Mrd. Euro stehen an. Dafür bräuchten die Konzerne Planungssicherheit.

Trittin will Anteil der Windenergie massiv ausbauen

Anfang 2004 muss die Bundesregierung Brüssel mitteilen, wie sie die Verschmutzungsrechte verteilen will. Dazu haben Clement und Trittin Positionspapiere geschrieben – die sich diametral entgegen stehen. Während Clement beim Kraftwerksneubau auf Braun- und Steinkohle setzt, will Trittin den Anteil der Windenergie 2020 von heute 8 auf 20 Prozent steigern.

Wie es in informierten Kreisen heißt, fürchtet außerdem die stromverbrauchende Industrie, dass sie ihre Selbstverpflichtung, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2012 gegenüber 1990 um 35 Prozent zu senken, möglicherweise nicht einhalten kann – das jedenfalls zeigt eine Studie des Essener RWI-Instituts für den Fall stabilen Wirtschaftswachstums oberhalb von 2 Prozent oder bei einer Folge von sehr heißen Sommern und kalten Wintern, wie zur Zeit. Trittin droht daher, der Industrie bei Nichteinhalten der Selbstverpflichtung den auf 60 Prozent ermäßigten Ökosteuersatz streichen zu wollen. Seit vorvergangener Woche habe sich in allen Zweigen der Großindustrie eine Anti-Trittin-Stimmung breit gemacht.

Bei Schröder wollen vor allem der Eon-, der RWE- und der Vattenfall-Chef Front gegen Trittins Pläne machen – und dabei womöglich ihren EnBW-Kollegen ins Lavieren bringen, der bisher dem Emissionshandel positiver gegenübersteht als seine Konkurrenten.

Keine Branche stößt so viel vom Treibhausgas CO2 aus wie die Energiebranche – mehr als ein Drittel. Als „das große Klimaproblem“ sieht Trittin vor allem die Braunkohle an, von der vor allem RWE und Vattenfall abhängig sind. Beispiel Vattenfall Europe: Die aus den ost- und norddeutschen Versorgern Bewag, Laubag und HEW gebildete Tochter des schwedischen Staatskonzerns fördert pro Jahr 59,3 Mill. Tonnen Braunkohle und verstromt diese in vier Kraftwerken – 71 Prozent des Stromes steuert Braunkohle bei. Wie stark der Energieträger verteuert wird, ist also für das Unternehmen entscheidend. Vattenfall hat in den 90er Jahren 9 Mrd. Euro investiert, um den Kraftwerkspark der DDR zu erneuern. Die CO2-Emission verringerte sich um 50 Prozent. „Wir sind für eine Gleichbehandlung von geleisteten und künftigen Minderungsleistungen“, sagt Vorstandschef Klaus Rauscher.

So heterogen wie die Branche ist, so sehr verfolgen die Konzerne eigene Interessen. Eon etwa hat nach der Übernahme von Deutschlands größtem Gasimporteur, Ruhrgas, ein großes Interesse, dass es mehr Gaskraftwerke gibt.

Den Kanzler zu Zusagen zu bewegen, wird allerdings nicht einfach. „Wenn wir im Bereich der Stromwirtschaft über Information hinaus etwas festlegen wollten, dann müssten wir eine Reihe Anderer einladen“, sagte Schröder gestern. Im September sei ein weiteres Treffen geplant – mit Trittin.

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