60 Jahre Luftbrücke
Vom Rosinenbomber zur Wiedervereinigung

Zur Erinnerung an das Ende der Berlin-Blockade vor 60 Jahren sind heute zahlreiche Veranstaltungen auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof geplant. Eine, die sehr viel über diese Zeit zu berichten weiß, ist Viola Herms Drath. Als blättere man in einem Buch deutsch-amerikanischer Geschichte erzählt die Dame im Washingtoner Stadtteil Georgetown davon, was sie erlebt und erfahren hat.

WASHINGTON. Von der Luftbrücke bis zur Wiedervereinigung - bei vielen Wegmarken war Herms Draht dabei, so wie auch jetzt wieder, wenn heute in Berlin des 60. Jahrestages des Endes der Luftbrücke gedacht wird.

Kurz nach dem Krieg 1947 wagte Viola Herms den Sprung nach Amerika. Hinter sich ließ sie das zerstörte Berlin. Aufmachen wollte sie sich zu Neuem, an der Seite von Colonel Francis S. Drath, dem stellvertretenden US-Militärgouverneur von Bayern. Er brachte sie nach Westen, bis nach Lincoln, Nebraska. Dorthin wurde auch Curtis LeMay abkommandiert. Der General war neben Lucius D. Clay die Schlüsselfigur für das Gelingen der Berliner Luftbrücke, die den Westen der Stadt während der sowjetischen Blockade am Leben erhielt.

Je mehr Herms Drath von LeMay aus erster Hand über die Luftbrücke erfuhr, desto mehr bewunderte sie, was Amerikaner und Briten dort vollbracht hatten. Denn was heute häufig mit Hinweis auf die "Rosinenbomber" als Anekdote des Kalten Krieges abgetan wird, war erheblich mehr.

Natürlich war die Luftbrücke zunächst eine logistische und fliegerische Meisterleistung. In mehr als 277 000 Flügen wurde die Bevölkerung West-Berlins zwischen 1948 und 1949 fast ein Jahr lang mit all jenem versorgt, was sie zum Überleben in der eingeschlossenen Stadt brauchte. Und die Alliierten zahlten dafür einen hohen Preis: 39 Briten und 31 Amerikaner verloren bei der elf Monate dauernden Operation ihr Leben.

Doch die politische Bedeutung der Operation wird bis heute oft unterschätzt. "Damals wurde ein Grundstein für die transatlantische Partnerschaft gelegt", sagt die langjährige Journalistin und Publizistin Herms Drath. Die gemeinsame Aufgabe, Berlin am Leben zu erhalten, schweißte die westliche Allianz in einer höchst kritischen Phase noch einmal fester zusammen. "Der Weg zur Nato führte über die Luftbrücke", glaubt Herms Drath. "Die Luftbrücke ist bis heute ein so positives Ereignis, auf das die transatlantischen Partner auch in den dunkelsten Stunden stolz sein konnten", sagt sie. Dass die inzwischen hoch betagten Veteranen daran zum 60. Jahrestag noch einmal erinnern können, ist der Publizistin deshalb auch besonders wichtig: "Für die meisten wird dies wohl das letzte Mal sein."

Ein wenig hat Herms Drath, die 26 Jahre lang für das Handelsblatt aus den USA berichtete, selbst am Rad der Geschichte gedreht. Noch bevor die deutsche Wiedervereinigung in Reichweite rückte, entwickelte sie die Verhandlungsformel 2+4, bei der die beiden deutschen Staaten mit den Siegermächten des zweiten Weltkriegs über die Möglichkeiten der Vereinigung Deutschlands beraten sollten. Als sie diese These im Herbst 1988 in einem Aufsatz mit dem Titel "The Reemergence of the German Question" erklärte, war den Herausgebern der außenpolitischen Zeitschrift, in der das Memorandum veröffentlicht wurde, nicht ganz wohl. Die Frage der deutschen Wiedervereinigung erschien noch Lichtjahre entfernt. "Am Ende aber wurde der Aufsatz gedruckt", sagt die Autorin heute. Und ein Jahr später wurde die 2+4-Formel politische Praxis. Und Viola Herms Drath wird seither als überaus vorausschauende Denkerin verehrt.

Luftbrücke, Wiedervereinigung, eine streitbare Biographie über Willy Brandt, Bücher über deutsche Politik, Aktivistin in den Reihen der republikanischen Partei, Jahrzehnte als Handelsblatt-Korrespondentin in Washington: Für die muntere Journalistin muss das Leben nicht an Substanz verlieren, nur weil man älter wird. Mit 75 Habe sie aufgehört die Jahre zu zählen, sagt sie völlig unbeeindruckt. Also schreibt und diskutiert die Dame, die so gerne wunderbar auslandende Hüte trägt, bis heute munter weiter über alles, was Deutsche und Amerikaner betrifft. Dabei wird Viola Herms Drath tatsächlich nicht älter, sondern bleibt nur beneidenswert jung

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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