70 Jahre "Unternehmen Barbarossa"
„Verblutet in der Weite des russischen Raumes“

Hitler träumte von Lebensraum im Osten. Am 22. Juni 1941 griff er die Sowjetunion an - und scheiterte an Stalin. Zwei Jahre früher hätte Hitler Erfolg gehabt, sagt der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller.
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Handelsblatt Online: Herr Professor Müller, am 22. Juni 1941 griff die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion an. Es folgte ein Krieg mit 30 Millionen Toten. Sie gehen davon aus, dass Hitler diesen Angriff bereits zwei Jahre vorher führen wollte. Wieso?

Rolf-Dieter Müller: Hitlers Zielsetzung war von Anfang an klar, sie basierte auf seiner Ideologie: Er wollte die Expansion, er wollte den Krieg im Osten, um Lebensraum für das deutsche Volk zu schaffen. Das bedeutete Krieg mit der Sowjetunion, mit dem Bolschewismus. Und Hitler wollte diesen Krieg so schnell wie möglich. Seit Mitte der 1930er Jahre gab es dafür Pläne. Dokumente der deutschen Marine aus dem Jahr 1938 etwa zeigen, wie ein militärischer Schlag gegen Kronstadt, Stützpunkt der russischen Ostseeflotte, hätte aussehen sollen. Kronstadt hätte 1939 das Pearl Harbour im Osten werden können. Dies wäre ein gewaltiger strategischer Vorteil für das Deutsche Reich gewesen.

Doch der Angriff blieb aus. Stattdessen überfiel das Deutsche Reich 1939 Polen.

Ja, dennoch sah Hitler in Polen bis zum Frühjahr 1939 noch einen potenziellen Verbündeten für den Feldzug gegen Russland. Seit 1934/35 umwarb er das antibolschewistische Militärregime in Warschau, das eine gemeinsame Grenze mit der UdSSR hatte, im Kriegsfall 1,5 Millionen Soldaten mobilisieren konnte und gewissermaßen als Juniorpartner in Hitlers Augen sehr attraktiv war. Die deutsche Führung forderte den freien Zugang nach Danzig, das damals unter Aufsicht des Völkerbundes stand, um mit diesem Stützpunkt über das Baltikum einen Krieg gegen die Sowjetunion führen zu können. Als Kompensation wurden Polen Teile der Ukraine angeboten. Doch die Regierung in Polen, die zunächst nicht abgeneigt war, lehnte ab und verließ sich auf Sicherheitsgarantien der Westmächte. Garantien ohne Wert, wie sich später zeigte. Weil Polen sich verweigerte, schwenkte Hitler um. Nun galt sein Augenmerk erst einmal den Polen.

Und dafür ging er sogar einen Pakt mit seinem Erzfeind Stalin ein?

Hitler dachte trotz aller Ideologie durchaus pragmatisch. Die Übereinkunft mit Stalin, die am 23. August 1939 im Nichtangriffspakt mündete, war Hitlers Bluff, um die Westmächte zu entmutigen. Er hoffte, dass ihm England doch noch freie Hand im Osten gewährt und wohl auch, dass Polen einlenkt. Wenn Großbritannien und Frankreich nicht reagiert hätten, hätte er im Westen den Rücken frei gehabt und sich nach der Niederwerfung der Polen weiter nach Osten wenden können. Der Vertrag mit Russland hatte für Hitler ohnehin keinen dauerhaften Wert. Doch es kam anders. Die Kriegserklärung der Westmächte hat ihn schockiert, das hatte er nicht erwartet.

War die Auseinandersetzung mit den Westmächten nicht sowieso einkalkuliert?

Nein, Hitler war durchaus an einem Ausgleich mit England interessiert. Diese Hoffnung haben die Engländer mit ihrer Appeasement-Politik bis 1938 auch gefördert. Eine Übereinkunft mit den Briten hätte auch Frankreich zur Passivität verurteilt. Ich glaube nicht an einen festen Stufenplan, wonach Hitler eine feste Angriffsreihenfolge hatte: Erst Polen und dann Frankreich, um anschließend – mit entsprechender Machtbasis im Rücken – die Sowjetunion zu attackieren. Hitler selbst hat dies vor seinen Generälen nachträglich zwar so dargestellt, um sich als genialer Schlachtenlenker zu präsentieren. Von einer Strategie kann aber nicht die Rede sein. Tatsächlich hat Hitler improvisiert, weil erst die Polen nicht mitspielten und dann auch die Engländer nicht. Wie gesagt, er hätte gerne schon 1939 gegen die Sowjetunion losgeschlagen.

Wie wären seine Erfolgschancen gewesen?

Zu diesem Zeitpunkt sehr gut. Selbst wenn Polen neutral geblieben wäre, und (auf seinem Staatsgebiet) den Durchmarsch für die Wehrmacht freigemacht hätte, oder – noch besser – die 50 polnischen Divisionen mitmarschiert wären, wäre es wohl eine klare Angelegenheit gewesen. Stalin hatte 1938 große Teile des Offizierscorps liquidieren lassen, um seine Machtposition zu stärken. Nach diesen Säuberungen war die Rote Armee 1939 in einem desolaten Zustand. Dazu kommt, dass die Grenzen andere waren. Mit dem Nichtangriffspakt und seinem Anteil an der polnischen Beute, Gebietsgewinne in Ostpolen, verbreiterte Stalin jedoch sein strategisches Vorfeld erheblich. Ohne diesen 300 Kilometer breiten Raum hätte die Wehrmacht ihren Feldzug ja sozusagen vor den Toren von Leningrad, Minsk und Kiew begonnen. Die Eroberung dieses Gebietes kostete die Wehrmacht im Sommer 1941 mehr als 400.000 Mann und verzögerte den Vormarsch auf Moskau entscheidend.

Im Sommer 1941 war Hitler Herr über fast ganz Europa. Nur England stand gegen ihn. Warum eröffnete er ohne Not einen neuen Kriegsschauplatz?

In Hitlers Ideologie war der so genannte Lebensraum im Osten von zentraler Bedeutung. So steht es schon in „Mein Kampf“, aber auch in der Denkschrift zum Vierjahresplan von 1936. Davon wich er nicht ab. Er wollte den Machtfaktor Russland ausschalten, um den Boden für ein zukünftiges Großdeutsches Reich zu schaffen. Dieses Imperium wäre in Hitlers Vorstellung unangreifbar und mit seinen unerschöpflichen Ressourcen immun gegen jede Blockade gewesen. Voraussetzung war der Sieg des Germanentums über die vermeintlich niedere slawische Rasse.

Und die deutsche Heeresleitung folgte ihm bedingungslos?

Pläne für den Feldzug gegen Russland lagen im Generalstab bereits vor. Der Chef des Generalstabs, Franz Halder, musste sie nur noch aus der Schublade nehmen. Bereits Ende Juli 1940 legte er Hitler entsprechende Vorschläge vor. Hitlers endgültiger Befehl zur Vorbereitung des Unternehmens Barbarossa erfolgte dann am 18. Dezember 1940.

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  • Was gerne unter den Tisch gekehrt wird ist die sowjetische Besetzung Ost-Polens und der (damals wie heute unabhängigen!) baltischen Staaten. Zudem wird ausgeblendet, daß die SU 1939 Finnland angegriffen hat.

  • Im "Eisbrecher" gelang Suworow der Nachweis der Existenz einer langfristigen, ideologisch begründeten Angriffsabsicht auf seiten Stalins, im "Tag M" rekonstruiert der Autor die konkreten Angriffsvorbereitungen auf Mittel- und Westeuropa zu einem exakt festgelegten Zeitpunkt. Der Tag "M" bezeichnet den Zeitpunkt der offiziellen Mobilmachung (russ.: mobilizacija), wie es der spätere Generalstabschef der Roten Armee, Boris M. Schaposchnikow, in einem grundlegenden militärtheoretischen Werk definiert hatte. Suworow unterscheidet zwei Stufen: Erstens die heim­liche Vorbereitung für den Tag "M", die einsetzt, nachdem politisch der Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen festgelegt wurde, zweitens die offene Mobilmachung, die am Tag "M" beginnt und direkt in Kampfhandlungen übergehen muß. Der Autor trägt eine Fülle von Details zusammen, um den Nachweis zu führen, daß die UdSSR unter Stalin seit August 1939 ihre rüstungs- und militärstrategischen Aktivitäten konsequent auf die Eröffnung eines ­Angriffskrieges gegen Deutschland und Westeuropa im Juli 1941 ausrichtete. In den Niederlagen der Roten Armee ab Sommer 1941 sieht ­Suworow entscheidende Indizien dafür, daß die nicht auf Defensive eingestellten Sowjetstreitkräfte vom Präventivschlag der deutschen Wehrmacht zu einem Zeitpunkt überrascht wurden, als sie ihren eigenen Offensiv­aufmarsch noch nicht beendet hatten. 356 S., s/w. Abb., geb. im Großformat.

  • Mit Bewertungen deutscher Historiker zu WK II habe ich so meine Probleme...

    Solange mir niemand plausibel erklärt, wieso Frankreich die Westfront nicht eröffnet hat, als die Wehrmacht in Polen beschäftigt war; warum England Stalin nicht den Krieg erklärt hat, als der sich Polens Osten unter den Nagel gerissen hat, nebst den baltischen Staaten; und warum die Wehrmacht kurz hinter der Westgrenze Rußlands auf eine im Aufmarsch befindliche, riesige Angriffsarmee traf - solange halte ich die offizielle deutsche Geschichtsschreibung zum 3. Reich und WK II für eingeschränkt glaubwürdig (um es mal freundlich zu formulieren).

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