75.000 freie Plätze: Wirtschaft klagt über freie Lehrlingsstellen

75.000 freie Plätze
Wirtschaft klagt über freie Lehrlingsstellen

Jahrelang gab es zu wenig Ausbildungsplätze. Jetzt sucht die Wirtschaft händeringend nach Lehrlingen. Neu ist das Phänomen unbesetzter Stellen allerdings nicht. Eine Chance haben damit Bewerber mit schlechteren Noten.
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BerlinNach Schätzung der deutschen Wirtschaft konnten im vergangenem Jahr rund 75.000 Ausbildungsplätze mangels geeigneter Bewerber nicht besetzt werden. Betroffen davon sind vor allem die Gastronomie und das Hotelgewerbe, aber auch traditionelle Handwerksberufe wie Fleischer, Bäcker und Klempner. Angesichts weiter rückläufiger Schulabgängerzahlen erhalten dadurch auch lernschwächere Jugendliche eine Vermittlungschance, sagte der Staatssekretär aus dem Bundesarbeitsministerium, Gerd Hoofe, am Mittwoch in Berlin.

Nach dem noch unveröffentlichten Berufsbildungsbericht der Bundesregierung blieb 2011 jede vierte Lehrstelle für Restaurantfachleute (25,8 Prozent) unbesetzt. Im Lebensmittelhandel und bei Fleischern, Bäckern, Köchen, Klempnern und Gebäudereinigern war dies nahezu jede sechste bis siebte Lehrstelle. Die Statistik liegt der Nachrichtenagentur dpa vor.

Das Phänomen von unbesetzten Lehrstellen ist allerdings nicht neu. In den Wirtschafts-Boomjahren nach der deutschen Einheit blieben 1992 allein im alten Bundesgebiet 123.000 Lehrstellen frei. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages ((DIHK), Martin Wansleben, sagte, angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels dürften die Betriebe nicht das Interesse verlieren, weiter intensiv um Berufsnachwuchs zu werben.

Wirtschaft, Bundesagentur für Arbeit, Bundesregierung und Kultusminister zogen eine positive Bilanz der nachträglichen Vermittlung unversorgter Jugendlicher aus dem Bewerberjahrgang 2011. Zum gesetzlichen Stichtag 30. September hatten 11.400 junge Menschen keine Lehrstelle gefunden. 5700 davon - genau die Hälfte - konnten bis Ende Januar nachvermittelt werden. Allerdings war wie in den Vorjahren auch nur jeder zweite Unversorgte den Einladungen der Kammern zu einem Nachvermittlungsgespräch gefolgt.

Auch von den über 60.000 unversorgten Bewerbern, die im Herbst zunächst ihre Schulbildung fortgesetzten, gleichwohl aber ihren Vermittlungswunsch aufrecht erhielten, bekamen nach Angaben der Bundesagentur über 60 Prozent nachträglich einen Ausbildungsplatz. Hoofe wie Wansleben unterstrichen, nächstes Ziel müsse es sein, das Übergangssystem zwischen Schule und Beruf neuzuordnen. Nach Schätzungen der Bundesagentur sind derzeit noch immer zwischen 300.000 und 350.000 Jugendliche in berufsvorbereitenden Kursen oder in Überbrückungsmaßnahmen, deren Sinn unter Experten strittig ist. Bundesagentur und Staat geben dafür jährlich rund drei Milliarden Euro aus.

Hoofe verwies darauf, dass von den jugendlichen Arbeitslosen jeder zweite keine abgeschlossene Ausbildung hat. Rund 15 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren verfügen über keinen Berufsabschluss und sind auch nicht mehr in Bildungsmaßnahmen. Das sind rund 1,46 Millionen Menschen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " 75.000 freie Plätze: Wirtschaft klagt über freie Lehrlingsstellen"

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  • Ich kann mich noch sehr gut an Zeiten erinnern, da konnten die Ansprüche an die Bewerber für eine Lehrstelle gar nicht hoch genug geschraubt werden. Mein Neffe war damals (Jahr 2006) 16 Jahre und mit 1,65 m natürlich viel zu klein für solch eine tolle Lehrstelle! Jetzt ist er 1,85 und hat eine gutbezahlte Stelle bei einer vernünftigen Firma,welche ihre Mitarbeiter wie Menschen behandelt. So kann`s gehen.

  • Zu alt, zu unflexibel und zu teuer.
    Manchmal ist es wichtig über den Tellerrand zu schauen. Die Demograpfie ist hier auch hilfreich.
    Wenns verschlafen wurde, kann man immer noch nach dem Staat rufen.

    Schönen Tag noch.

  • Angebot und Nachfrage. Da muß den Lehrlingen mehr geboten werden; dann kommen sie auch.
    Als die Nachfrage gering war, war die Wirtschaft doch begeistert: Lehrlinge gabs zum Nulltarif.

    Übrigens, falls alles nichts hilft: Wir haben ca 6-8Mio Arbeitssuchende. Und täglich werden es einige Tausend mehr.... Es vergeht ja kein Tag mehr ohne Pleiten und Entlassungswellen.

    manroland, schlecker, ibm, nokia usw.

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