Abfällige Äußerungen
Thilo Sarrazin: Gespaltene Persönlichkeit

Der Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat mit seinen abfälligen Äußerungen über Berlins Türken erneut für Wirbel gesorgt. Seine Wortwahl bedauert er inzwischen und schiebt hinterher, er habe als Berliner Bürger gesprochen nicht als Vertreter der Bundesbank.

dri/dhs/oli/saf DÜSSELDORF. Es gibt Zustände, in die können sich wichtige Personen hineinversetzen, während Normalsterblichen das auf immer verwehrt bleibt. Thilo Sarrazin zum Beispiel, als Vorstandsmitglied der Bundesbank ein wirklich wichtiger Mensch, gelingt es nahezu perfekt, den Zustand einer gespaltenen Persönlichkeit öffentlich zu demonstrieren, ohne dass ihn jemand für möglicherweise krank erklärt.

Sarrazin, gegen den die Berliner Staatsanwaltschaft der „Berliner Morgenpost“ zufolge wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt, hat sich am Donnerstag entschuldigt. Er hat seine Sätze aus einem Interview bedauert, in dem er sich über Berlin und seine Ausländer eher abfällig geäußert hatte. "Türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben", hatte er gesagt. "Nicht jede Formulierung war gelungen", räumt er nun ein. Seiner Entschuldigung fügt der Bundesbanker dann aber noch diesen Satz hinzu: "Ich habe als Berliner Bürger und ehemaliger Finanzsenator meine private Meinung geäußert, nicht aber für die Bundesbank gesprochen." Das ist perfekt. Wem sonst als diesen gewichtigen Personen gelingt es, Beruf und Mensch so gut zu trennen?

Wenn - sagen wir - ein normalsterblicher Möbelverkäufer einem Kunden erklären würde, dass die Araber in seiner Stadt keine produktiven Funktionen außer für den Obst- und Gemüsehandel haben, wäre er womöglich seinen Job los - falls sich der Kunde beschwert. Es würde ihm auch nichts nützen, wenn er seinem Chef erklärt, dass er die Sache mit den Arabern als Privatmann und vielleicht ehemaliger Gelegenheitskoch gesagt habe. Der Kunde wäre schließlich trotzdem irritiert und sein Chef würde ihn vermutlich trotzdem feuern.

Nicht so bei Sarrazin. Da reicht ein bisschen Abstand zu dem Sprücheklopfer. Bundesbankpräsident Axel Weber hatte eine Mitteilung verschicken lassen, in dem sich das Institut " in aller Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin" distanziert. Da der aber nun diese Äußerungen eben nicht als Bundesbanker gemacht hat, können heute alle wieder zur Tagesordnung übergehen.

In Berlin sehen das einige anders. "In diesem Fall hat er den Bogen eindeutig überspannt", sagt ein Regierungsvertreter dem Handelsblatt. Auch Banker werfen Sarrazin nicht nur mangelndes politisches Fingerspitzengefühl, sondern auch eine Verkennung seiner neuen Rolle als Bundesbank-Vorstand vor. "Sarrazin kann vielleicht als Finanzsenator in Berlin solche Sprüche bringen, nicht aber als Vorstandsmitglied der Bundesbank", meint ein Frankfurter Banker. Solche verbalen Ausrutscher schadeten dem Ruf der gesamten Institution, deshalb sei es gut und notwendig gewesen, dass sich die Bundesbank von diesen Äußerungen umgehend distanziert habe. Dafür lobt auch der SPD-Finanzexperte Joachim Poß das Geldinstitut. "Die Bundesbank hat mit der notwendigen Deutlichkeit, die in ihren Kreisen nicht selbstverständlich ist, Stellung genommen. Das ist die richtige Reaktion", sagt er. Ob's hilft? Reaktionen von Gesundheitspolitikern waren leider nicht zu bekommen.

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