Abgasskandal
VW-Krise alarmiert Top-Ökonomen

VW-Chef Winterkorn geht, die Probleme bleiben. Die Abgas-Affäre könnte verheerende Konjunkturfolgen nach sich ziehen, warnen Ökonomen. IW-Chef Hüther spricht schon von einem Skandal mit „systemischer Krisenqualität“.
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BerlinDer ans Licht gekommene Diesel-Skandal um Volkswagen (VW) wegen manipulierter Abgastests hat die deutsche Wirtschaft und Ökonomen in Alarmstimmung versetzt. „Wir erleben, wie in der Finanzkrise, dass ein Vorfall systemische Krisenqualität erlangt hat: hier über die Zulieferernetzwerke, den Kollateralschaden für die ganze Branche, die Teilentwertung der Marke „Made in Germany“, den Wertverlust an der Börse“, sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, dem Handelsblatt. Der Unterschied zur Finanzkrise sei nur, dass es sich um ein deutsches und nicht um ein globales Phänomen handle.

Einen Konjunkturdämpfer schließt auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, nicht aus. „Auch wenn wir nicht wissen, wie stark sich der Fall VW auf die deutsche Wirtschaft auswirken wird, so ist das Risiko durch die hohe Abhängigkeit Deutschlands von seinen Exporten hoch“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt. Daher müsse es nun „dringend um Schadensbegrenzung  für VW und für deutsche Exporteure allgemein gehen“.

Um die Wogen einigermaßen zu glätten, kündigte VW-Chef Martin Winterkorn gestern Abend seinen Rückzug von der Konzernspitze an. Der 68-jährige erklärte in Wolfsburg, er übernehme die Verantwortung für die bekanntgewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren und habe daher den Aufsichtsrat gebeten, mit ihm eine Vereinbarung zur Beendigung seiner Funktion zu treffen. „Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell“, sagte Winterkorn. Mit seinem Rücktritt mache er den Weg dafür frei. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren.“

Mit Sorge blickt auch der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, auf mögliche Folgen der VW-Krise. „Wenn der Autoabsatz der deutschen Hersteller in den USA nachhaltigen Schaden nehmen sollte, ist das damit gesamtwirtschaftlich ein durchaus bedeutsames Risiko“, sagte Bielmeier dem Handelsblatt. „So würde ein möglicher Rückgang der deutschen Kfz-Ausfuhren in die USA als Folge des Skandals um zum Beispiel 20 Prozent die deutsche Konjunktur rechnerisch immerhin um 0,2 Prozent dämpfen.“ Außerdem bliebe ein solcher Rückgang wohl nicht ohne Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, sagte Bielmeier weiter. „Der Personalaufbau der letzten Jahre dürfte sich dann kaum weiter fortsetzen.“

Immerhin, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, wertet den Skandal schon als einen Schlag ins Kontor. Nun müsse wie von VW angekündigt ganz eilig Transparenz geschaffen werden, sagte Wansleben der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, rief in „Bild“ den Autobauer auf, „jetzt schnell alles auf den Tisch“ zu legen. „Davon hängt auch ab, ob ein Kollateralschaden für das Image deutscher Produkte entsteht.“ Wansleben und Börner betonten allerdings, das Gütesiegel „Made in Germany“ hänge nicht nur von einem einzigen Unternehmen ab.

VW ist jedoch nicht irgendein Unternehmen. Volkswagen mit seiner Tochter Audi sei das Aushängeschild der deutschen Automobilindustrie, sagte der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, Stefan Bratzel. Der Skandal sei daher ein deutsches Thema. „Da sind alle in der Sippenhaftung“, ist Bratzel überzeugt.

Mit 368 Milliarden Euro Umsatz und 775.000 direkt Beschäftigten ist die Autoindustrie die größte deutsche Industriebranche. Ihre Bedeutung hat in den vergangen Jahren deutlich zugenommen. Seit 1995 hat sie den Anteil an der Bruttowertschöpfung der deutschen Wirtschaft von 2,8 auf 4,0 Prozent und ihren Anteil an den Industriebeschäftigten von 10,9 auf 12,8 Prozent gesteigert. Ohne die Autoindustrie wäre die deutsche Wirtschaft seit 1995 insgesamt um zwei Prozentpunkte weniger gewachsen.

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  • Rainer Vogels von 9.09
    Man kann, nein man muß Ihnen in allen Punkten Recht geben

  • G. Napf
    ich stimme Ihnen absolut zu.
    Wenn es mal ganz genau nimmt, haben wir doch längst ein Ein-Parteien-System. Denn die einstmals konservativ-bürgerliche CDU ist doch komplett vergrünt durch die Sozialistin Merkel und auch die SPD spring doch auf den Zug der Grünen auf.
    Lange kann das aber nicht mehr gutgehen

  • Ich glaube, das hat viele Ursachen.
    Die Großwirtschaft ist zu groß, ist vor allem zu gierig geworden. Die Politik gibt keinerlei Grenzen vor, im Gegenteil, die Großwirtschaft lenkt ja unsere derzeitige Politik.
    Auch die Gehälter sind ein Unding. Und auch wenn so eine Firma eine AG ist, müßte die Politik hier Regeln geben.
    Die Betriebe machen es sich zu leicht, weil sie es können, läuft es mal nicht so, entläßt man Leute., aber sleber steckt man sich 16 Mio Gehalt ein.
    Das ist nicht mehr normal und genau das müssen wir beenden.
    Und mit will doch niemand erzählen, dass das was jetzt rauskam, nicht auch die Politik gewußt hat.
    Ich las übrigens gerade, bei BMW soll es wohl ähnlich sein
    Wir brauchen wieder die soziale Marktwirtschaft und nicht die Gier

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