Abschied von der bundespolitischen Bühne?
Stoibers vorzeitiges Ende als Superminister

Nachdem Angela Merkel ihr "Kompetenzteam" vorgestellt hat, ist die Rede von Edmund Stoiber so kurz, als gehe ihn der ganze Zirkus nichts mehr an. Kein Wunder, dass sein Auftritt wie der Abschied von der bundespolitischen Bühne wirkt. Eine Handelsblatt-Reportage.

BERLIN. Allein der vermeintliche Superminister steht reglos auf der Bühne. Bedächtig schiebt Volker Kauder Wolfgang Schäuble auf die Bühne, Ursula von der Leyen lächelt putzig wie ein Dreikäsehoch und auch Peter Müller findet nach einigem Räuspern zu guter Laune. Nur Edmund Stoiber zeigt keinerlei Freude.

Doch auch die Frohnatur Günther Beckstein versteckt sie bemüht, während Angela Merkel die Kompetentesten der Kompetenten in der Union vorstellt. Beckstein nimmt die weißblaue Parole an der Wand "Besser für unser Land" ganz persönlich ernst. Denn die Chefin fordert ihn gerade auf, künftig mit allem Einsatz die innere Sicherheit zu schützen. Ein durch und durch unlustiger Job. Und für einen mit radikaler Jovialität beschlagenen Bayern eine ernste, eine extremistische Herausforderung.

Während Stoiber, alias Ex-Superminister, weiter in sich gekehrt vor sich hinwiegt, gibt sich Paul Kirchhof völlig unbekümmert und parliert gewand. Der Professor, Steuerexperte und Merkels Joker im Kampf um die Macht, soll fortan so tun, als werde er Minister für Haushalt und Finanzen.

Quod erat demonstrandum! dachte sich der Professor und demonstriert sogleich, wie einfach das Geldausgeben ist. Die geplante zweiprozentige Erhöhung der Mehrwertsteuer gibt er im Namen der Union flugs zum dritten Mal aus: für die Familie. Vielleicht tut er das ja nur, weil er die Steuererhöhung sowieso nie gemocht hat. So wie Stoiber.

Denn unlängst hat ihm die Chefin verklickert, so plaudert er aus, dass sie das Geld für die Familie will. Dafür gibt der Professor mit traditionellem Familienbild ("ein Raum der Bedingungslosigkeit und des Humanum") die Kohle gerne aus, obwohl sie die CDU doch längst zur Senkung der Arbeitslosenbeiträge und zur Finanzierung der Gesundheitsprämie abgebucht hat.

Während Merkel so einen nach dem anderen wie in einer Art politischer Nummernrevue in alphabetischer Reihenfolge präsentiert, ragt Edmund Stoiber, der bayerische Hüne, links von ihr wie die schneebedeckte Eiger-Nordwand in die Höhe, zehn Zentimeter nach hinten versetzt. Denn der CSU-Chef weiß, was sich gehört. Er ist ein durch und durch höflicher Mann. Zurückhaltend reglos lauscht er deshalb der Präsentation der Kompetentesten der Kompetenten, die die Union aufbieten kann. Griesgrämig schaut er nach unten.

Aus Höflichkeit hält er dann aber die vielleicht bemerkenswerteste Rede seines politischen Lebens. Knapp lobt er die "starke Truppe", hört "gemeinsame Signale ins Land gehen" - aus und vorbei. So schnell hat er noch nie ein Mikrofon stehen lassen. Seine Rede ist so kurz, als gehe ihn der ganze Zirkus nichts mehr an. Kein Wunder, dass sie wie der Abschied von der bundespolitischen Bühne wirkt. Seine Höflichkeit liegt darin, überhaupt noch zu reden.

Währenddessen wartet, die Beine breit auseinander gestemmt, der CSU-Generalsekretär wie auf den Boden genagelt im Raum. Mit grell gestreiftem Schlips auf schwarzem Hemd steht Markus Söder da wie ein Privat-Cop auf Hauptstadt-Patrouille. Denn wohl wissend, dass das Ende naht, streckt er zum allerletzten High Noon beide Arme bis zum Anschlag im Jacket aus, als wolle er schnell noch zweimal abdrücken. Doch da ist Stoiber bereits von alleine verstummt.

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