Abschottung der Gewerkschaft
IG Metall ohne klare Linie

Gewerkschaft der Abschottung: Mit kurzfristigen Aktionen verhindert die IG Metall den nötigen Strukturwandel in Unternehmen. Die Arbeitnehmervertreter müssen auf ihren ursprünglichen Weg zurückfinden. Ein Kommentar.
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BerlinDie deutsche Industrie steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Die Unternehmen müssen passgenaue Antworten auf die rasant fortschreitende Digitalisierung und die Globalisierung finden. Deutschland wird sich als eine der offensten Volkswirtschaften der Welt dieser Entwicklung nicht entziehen können. Auf dieser positiven Einstellung zum Wandel beruhen unser Wohlstand, die Rekordbeschäftigung und das robuste Wachstum.

Was auffällt: Ausgerechnet die mächtigste Industriegewerkschaft im Land tut sich schwer, bei diesem Umbau eine klare Linie zu finden. In den letzten zehn bis 15 Jahren verhielt sich die IG Metall extrem vernünftig und trug dazu bei, aus dem „kranken Mann Europas“ ein weltweit bewundertes Industrieland zu formen. Doch offenbar will die Gewerkschaft diesen Weg nicht weitergehen. Ein aktuelles Beispiel für die Verhinderungsmacht der IG Metall zeigt sich bei der geplanten Fusion von Linde mit dem US-Rivalen Praxair. Hier mobilisiert die Gewerkschaft all ihre Kräfte dagegen, sogar mit Unterstützung des Bundes.

Das aber ist kein Einzelfall. Man hat den Eindruck, noch stärker als gegen diesen US-Investor zieht die IG Metall gegen chinesische Investoren zu Felde. Bei Osram sorgten die Arbeitnehmervertreter so lange für schlechte Stimmung, bis der Kaufinteressent aus China frustriert abwinkte. Doch der Abschottungskurs ist nicht widerspruchsfrei. Wenn es der IG Metall ins Konzept passt, gibt es grünes Licht. So etwa bei der Übernahme von Opel durch PSA.

An dem französischen Autobauer ist der chinesische Staatskonzern Dongfeng beteiligt. Hier sah man bei der IG Metall auf einmal die guten Zugangschancen für Opel auf dem chinesischen Markt. Manchmal präsentiert die Gewerkschaft selbst sogar einen Investor aus China. Etwa im Zuge der Fusion von General Electric (GE) und Alstom. Damit es nicht so auffiel, schaltete man einen Unternehmensberater aus der Schweiz dazwischen. GE winkte damals ab, weil es vernünftiger war, einen davon betroffenen Standort zu schließen.

Alles in allem ist keine klare Linie zu erkennen. Die IG Metall sieht ihre Aufgabe in der kurzfristigen Sicherung von Arbeitsplätzen. Das ist zu wenig. Sie müsste langfristig denken. Wenn Volkswagen inzwischen ein Drittel seines Umsatzes in China macht, sichert das auch Jobs und Wertschöpfung in Wolfsburg.

Die Ideenlosigkeit zeigt sich auch darin, dass sich die Gewerkschaft aus dem strategisch wichtigen Steuerungsgremium der Porsche SE zurückzieht, das über das Wohl von VW entscheidet. Warum sie das macht, blieb bisher im Dunkeln. Genau wie die Strategie, wie der nötige Strukturwandel der deutschen Wirtschaft zu schaffen ist.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros

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