Abweichung vom Flächentarif
IG Metall erprobt neue Strategie für betriebliche Bündnisse

Eine neue tarifpolitische Strategie beschert der IG Metall in Nordrhein-Westfalen offenbar wachsende Erfolge bei der Mitgliederwerbung. Kern der Strategie unter dem Motto „Besser statt billiger“ ist ein offenerer Umgang mit möglichen Abweichungen vom Flächentarifvertrag auf Betriebsebene.

BERLIN. Im Gegenzug macht die IG Metall ihre Kooperationsbereitschaft verstärkt davon abhängig, dass das jeweilige Unternehmen ein aus ihrer Sicht innovatives Geschäftskonzept präsentiert. Die Initiative für Verhandlungen überlässt sie dabei ihren Mitgliedern im jeweiligen Betrieb. „Dort wo wir die Auseinandersetzung um konkrete Lösungen in den Betrieben offen angehen, stellen wir eine eindeutig positive Mitgliederentwicklung fest“, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Detlef Wetzel dem Handelsblatt. Zwar sei es schwierig, die Wirkungen bereits zu beziffern. In der Tat aber verzeichnet im Bezirk NRW seit Jahresbeginn nach IG-Metall-Angaben gut ein Drittel der 46 örtlichen Verwaltungsstellen steigende Mitgliederzahlen. Gemessen an einem Rückgang von vier Prozent bei der Gesamtorganisation im Jahr 2004 könnten dies Hinweise auf ein Ende des Negativtrends sein.

Laut Wetzel beteiligen sich inzwischen Betriebsräte und Vertrauensleute in mehr als 100 Betrieben an dem zunächst bis 2007 angelegten Projekt. Dabei geht es aber nicht nur um Mitgliederwerbung, wie er betont. Entscheidend sei die „inhaltliche Antwort auf eine Tendenz, Kostensenkung zum zentralen Unternehmensziel zu machen“. Zugeständnisse bei Lohn und Arbeitszeit könne es daher umso eher geben, wie das Unternehmen eine Strategie umsetze, „mit der es Produkte besser macht und die Ursachen seiner Probleme angeht“, so Wetzel. „Entscheidend ist, dass wir aus der passiven in eine aktive Rolle kommen und die Arbeitgeber fordern.“

Die Arbeitgeber verfolgen den neuen Kurs aufmerksam. „In der Tat pflegt die IG Metall nicht mehr die alte Wagenburgmentalität“, erkennt Karl-Ernst Schmitz-Simonis an, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Metall NRW. Daher sei es „sehr interessant“, wie die Gewerkschaft nun versuche, den Trend zu einer betriebsnäheren Tarifpolitik zu steuern.

Indirekt zeichnet sich damit auch ein Weg ab, wie die IG Metall auf die Umbrüche der Tariflandschaft reagieren könnte, sollte eine schwarz-gelbe Bundesregierung nach der Wahl gesetzliche Tariföffnungsklauseln einführen. Denn dann könnten die Tarifparteien über den Flächentarif gar nicht mehr steuern, unter welchen Bedingungen Belegschaften abweichende Regelungen über Lohn und Arbeitszeit treffen dürfen. Umso mehr wäre die Gewerkschaft darauf angewiesen, dass sie in den Betrieben gut verankert ist.

Ein wichtiger Ausgangspunkt ist indes bereits der Metall-Tarifabschluss von 2004, mit dem IG Metall und Arbeitgeber den Flächentarif gezielt für betriebsnahe Lösungen bei Lohnhöhe und Arbeitszeit geöffnet haben. Zwar sind die Bedingungen so gefasst, dass die Tarifparteien in aller Regel ein Einspruchsrecht gegen betrieblicher Abweichungen haben. Doch hat auch dieses Modell nach anfänglicher Skepsis einige Eigendynamik entwickelt – etwa 250 Firmen wenden es nach Zählung der Arbeitgeber mittlerweile an.

Tatsächlich geht es der IG Metall aber auch darum, die Erosion des Flächentarifs zu bremsen. „Abweichungen kann es nur geben, wo die Norm eines Flächentarifs existiert“, betont Wetzel. Umso wichtiger sei es, dass nicht ausgerechnet innovative Firmen mit langfristigen Geschäftsstrategien im Wettbewerb benachteiligt würden. „Genau das wäre der Fall, wenn vor allem jene vom Flächentarif abweichen würden, die sich nur ihre Verluste von den Beschäftigten bezahlen lassen wollen.“

Die Hauptsorge der Arbeitgeber betrifft freilich eben diesen Anspruch, auf die Geschäftsstrategien einzuwirken. „Problematisch wird es vor allem, wenn die IG Metall externe Sachverständige hinzuzieht und es von deren Ratschlägen abhängig macht, ob eine Vereinbarung gelingt“, sagt Schmitz-Simonis. Auch die engere Einbindung von Betriebsräten und Belegschaften in den gewerkschaftlichen Entscheidungsprozess sieht er zwiespältig. „Natürlich ist das im Prinzip positiv – nur verrinnt damit bei kritischen Sanierungsfällen viel kostbare Zeit.“

Noch ist offen, ob sich der Ansatz aus NRW in der IG Metall durchsetzt. Entscheidungen werden auf einer Strategiekonferenz im Oktober fallen. Dabei werden sich die Modernisierer indes auch mit Kritikern streiten müssen, die jeden Gedanken an tarifliche Öffnungsklauseln total ablehnen. Wie stark diese Kräfte würden, hänge vom Ausgang der Bundestagswahl und der neuen Regierung ab, heißt es in der Gewerkschaft.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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