Abwrackprämie
Merkels Blechschaden

Seit der Staat die Verschrottung alter Autos belohnt, brummt das Geschäft. Immer mehr Kunden fürchten, leer auszugehen. Am Ende könnte die Abwrackprämie die Regierung teurer kommen als gedacht.

ESCHBORN/BERGISCH GLADBACH. Anna Komrowski heißt die Hoffnung der deutschen Autoindustrie. Die 19-Jährige sitzt in Wolljacke und Jeans im neunten Stock eines Zweckbaus in Eschborn bei Frankfurt und telefoniert, um die Konjunktur anzukurbeln. Ununterbrochen. Immer wieder beantwortet die Mitarbeiterin des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) Fragen zur „Umweltprämie“, die der Volksmund „Abwrackprämie“ nennt: Ja, die 2500 Euro gibt es nur für Privatpersonen. Nein, kein Problem, wenn man den Neuwagen in Holland kauft. Gerade hat Komrowski den Hörer auf die Gabel gelegt, da klingelt das Telefon wieder.

Nein, vom BAFA hatte Markus Lüttgen bis vor vier Wochen noch nie gehört. Seither hat der Autohändler 20 Anträge seiner Kunden von Bergisch Gladbach nach Eschborn geschickt. 20 Anträge bedeuten: Lüttgen hat 20 neue Autos verkauft, der Bundesregierung sei Dank. „Zu Weihnachten habe ich rabenschwarz gesehen.“ Kaum war die Umweltprämie Ende Januar im Gespräch, ging es los. „Als wäre ein Schalter umgelegt worden.“ Nach Jahren der Flaute standen Kauflustige plötzlich Schlange in seinem Showroom, samstags verkauft Lüttgen nun statt bis 13 Uhr fast bis zur „Sportschau“.

Deutschland wrackt ab. Die ersten Unternehmen, die die Milliarden spüren, mit denen die Große Koalition die Rezession bekämpfen will und die der Bundesrat heute mit dem Konjunkturpaket II verabschieden wird, sind die Autohändler.

Die haben Sonderkonjunktur. Einige Hersteller können gar nicht so schnell liefern, wie die Bestellungen der Händler bei ihnen eingehen. Schon geht bei manchem Kunden die Angst um, zu spät zu kommen und leer auszugehen. Unter Händlern gilt als ausgemacht, dass die Regierung einen Prämien-Nachschlag gewähren wird. Weil sie muss. Es ist der Fluch des Erfolgs.

Bei Anna Komrowski am Telefon in Eschborn lautet die Frage immer öfter: „Wie lange reicht das Geld noch?“ Nebenan beruhigt eine ihrer zehn Kolleginnen vom Telefondienst einen Anrufer: „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“ Wie viele fürchtet auch dieser Mann, dass der Geldtopf aus Berlin wegen der Wartezeit auf seinen Neuwagen leer sein könnte, ehe er alle Unterlagen zusammenhat. Fahrzeugschein und Fahrzeugbrief des Neuwagens sind obligatorisch, die gibt es aber erst bei Auslieferung.

Beim Pförtner im Erdgeschoss der BAFA wollte einer sein Nummernschild direkt abgeben und das Geld cash mitnehmen. Nichts da: Nur der Postweg gilt.

Eigentlich überwacht das BAFA die Ein- und Ausfuhren von und nach Deutschland, ob sie mit dem Kriegswaffenkontrollgesetz vereinbar sind oder Embargos gegen Länder von Armenien bis Weißrussland verletzen. Nebenbei führt das Amt auch das deutsche Schornsteinfegerregister.

BAFA-Chef Arnold Wallraff sieht den „Tsunami“, der jetzt auf seine Behörde zurollt, gelassen. Bis zu 7000 Anträge auf Umweltprämie können seine Mitarbeiter pro Tag bearbeiten. Das kostet die Behörde vier Millionen Euro, die von den 1,5 Milliarden Euro Konjunkturstütze abgehen – macht 1600 prämierte Abwrackautos weniger.

13,7 Millionen Autos im Besitz von Privatleuten sind hierzulande älter als neun Jahre, also abwrackprämienberechtigt. Doch die 1,5 Milliarden Euro aus Berlin reichen nur für 598400 Autos. Das bedeutet für Händler und Hersteller ein Absatzplus von fast 20 Prozent. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Forsa wollen aber eine Million Autokäufer die Prämie nutzen. „Zurzeit gibt es eine an Hysterie grenzende Angst im Markt“, sagt Helmut Blümer vom Zentralverband Deutsches Kfz-Gewerbe.

Seite 1:

Merkels Blechschaden

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%