Ära Merkel
Schwarz, rot, bunt

Bundeskanzlerin Angela Merkel nähert sich der Halbzeit ihrer Regierung. Was ist geblieben von den Überzeugungen einer Frau, die vor fast zwei Jahren angetreten ist, Deutschland zu verändern? Eine Handelsblatt-Reportage.

BERLIN/MUMBAI. Sie wird ihr freundliches Lächeln aufsetzen, ihre Mundwinkel ein wenig nach oben biegen und sich höflich für die gut gemeinten Worte bedanken. Angela Merkel wird gute Miene zum „bösen“ Spiel machen, wenn ihr die fünf Wirtschaftsweisen heute im ersten Stock des Kanzleramtes ihr Jahresgutachten überreichen – mit der Kernbotschaft: Die Koalition möge doch bitte auf die Beschlüsse etwa zur Verlängerung des Arbeitslosengeldbezugs für Ältere verzichten, damit der sich ohnehin abschwächende Aufschwung nicht noch weiter gefährdet werde.

Angela Merkel weiß, dass vor allem sie damit angesprochen ist – sie, die einstige Reformerin, die in der Koalition mit der SPD nun den Faden verloren zu haben scheint. Die zwar gerade am Wochenende wieder einmal betont hat, dass die Reformen weitergingen, nun aber eine Verteilungsrunde der Großen Koalition mitmacht und damit einen Rückschritt.

Die Kanzlerin wird das Jahresgutachten daher schnell zu den Akten legen. Und die Große Koalition wird wohl stattdessen mit ihr an der Spitze den Arbeitslosengeldbezug für Ältere verlängern und den Post-Mindestlohn in den kommenden Tagen beschließen. Die Kritik, sie gefährde damit den Aufschwung, die wird Merkel einfach wegstecken – wie so häufig in den vergangenen Monaten.

Warum verhält sie sich so? Was ist geblieben von den Überzeugungen dieser Frau, die vor fast zwei Jahren angetreten ist, Deutschland zu verändern? Eine Halbzeitbilanz.

„Angela kommt doch von ,Angel’, also Engel“, flötet der Präsident der deutsch-indischen Handelskammer, Werner Hessen, bei einem Galadiner im altehrwürdigen Tadsch-Mahal-Hotel in Mumbai vergangene Woche. „Niemand erwartet, dass Sie uns das Paradies auf Erden bringen. Es reicht schon, wenn Sie unser Schutzengel sind.“

Spöttisch verzieht Merkel angesichts des schwülstigen Lobes ihre Mundwinkel. Sicher, sie wird mal wieder hofiert auf dem außenpolitischen Parkett. Das ist sie inzwischen gewöhnt. Doch langsam schleichen sich auch im Ausland kritischere Töne ein, wenn von Merkel die Rede ist. Internationale Medien wie „Newsweek“ oder „Economist“, die sie lange als unerschrockene Reformerin gefeiert hatten, beklagen nun ihre Abkehr vom Kurs. Längst hat Nicolas Sarkozy sie als beliebtester Neuaufsteiger in der Gunst der angelsächsischen Medien abgelöst. Auch im Inland hat sie mit einem schweren Vorwurf zu kämpfen – dem der Beliebigkeit.

Am mangelnden Arbeitseifer der 53-Jährigen kann es kaum liegen. Geradezu rastlos eilt Merkel derzeit durch Deutschland und die Welt. Indien, Afghanistan, Texas stehen innerhalb weniger Tage auf dem Reiseprogramm. Dazu zwei Koalitionsausschüsse. Gestern Morgen redete sie auf dem Deutschen Steinkohletag in Essen, am Nachmittag empfing sie den luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker, am Abend nahm sie im Berliner Adlon-Hotel den Leo-Baeck-Preis entgegen.

Seite 1:

Schwarz, rot, bunt

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%