Ärzte und Pharmaindustrie weisen Vorwürfe zurück
Betrug und Korruption im Gesundheitswesen kosten jährlich bis zu 20 Milliarden Euro

Korruptionswächter von Transparency beklagen zunehmende Korruption im Gesundheitwesen. Zu Lasten der Krankenkassen bereicherten sich Ärzte und Pharmanindustrie einer Studie zufolge in Milliardenhöhe.

HB BERLIN. Die Beiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung könnten deutlich niedriger liegen – wenn die Korruption in der Krankenversicherung bekämpft würde. Bis zu 20 Milliarden Euro jährlich versickern nach Schätzung von Transparency International in den Taschen von korrupten Ärzten oder Pharmaherstellern, wie die Organisation am Freitag in Berlin bei der Vorstellung ihres Korruptionsberichts erklärte.

Die Schadenssumme sei nach internationalen Erfahrungen für Deutschland hochgerechnet worden, sagte Transparency-Vizechefin Anke Martiny. Demnach mache der finanzielle Verlust etwa drei bis zehn Prozent der Kosten für die medizinische Versorgung aus. Für Deutschland seien das sechs bis 20 Milliarden Euro pro Jahr.

Vor allem in der Arzneimittelversorgung machten die Korruptionswächter erhebliche Defizite aus. Beispielsweise ist dem Verbraucherzentrale Bundesverband zufolge die Software, mit der Ärzte eine Auswahl von Medikamenten treffen, von der pharmazeutischen Industrie gesponsert und werde den Praxen kostenlos zur Verfügung gestellt. Aber offenbar nicht ganz uneigennützig: Die Software bevorzuge nämlich Produkte der Sponsoren. Kosten für die Krankenkassen oder die Gesundung des Patienten seien zweitrangig. Auch hinter den Selbsthilfegruppen von Patienten stecke häufig die Pharmaindustrie.

Außerdem beklagte Transparency, die Pharmaunternehmen drückten mit erheblichem Marketing-Aufwand Medikamente auf den Markt, die keinen zusätzlichen Nutzen für den Patienten brächten, die Kassen aber mit unnötigen Kosten belasteten, sagte Transparency-Arzneimittelexperte Peter Schönhöfer. Die Studien, die die Wirksamkeit der Medikamente bescheinigen, werden dem Experten zufolge von Wissenschaftlern erstellt, die als «Mietmäuler» dem Hersteller verpflichtet seien. Die Mitherausgeber des Fachblattes «Arzneimittel-Telegramm» sprachen von «Korrumpierung des Wissenschaftsbetriebs».

Transparency bemängelte in dem Bericht auch, Ärzte schöben sich gegenseitig Patienten für fragwürdige Behandlungen zu. Bei der Selbstverwaltung der Ärzte in den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) fehle es zudem an Transparenz und Professionalität. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wies die Kritik zurück und zweifelte an den ermittelten Schadenssummen. Die erforderliche Transparenz und Professionalität sei außerdem gegeben.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie hingegen begrüßte zwar Maßnahmen gegen Betrug und Korruption, verteidigte indes die Marketingmaßnahmen der Hersteller: «Wir halten die Ärzte für mündig und willensstark genug, ihr Verschreibungsverhalten allein von medizinischen Erfordernissen abhängig zu machen.»

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