Akademiker
Hochqualifizierte: Deutschland gibt Spitze ab

Deutschland hat bei Hochqualifizierten den Anschluss an die Spitze in Europa verloren. In Frankreich, Großbritannien und Nordeuropa sind mittlerweile gut drei von zehn Erwerbstätigen Akademiker, Techniker oder Meister – in Deutschland nur jeder vierte. Mehr junge Leute, vor allem Migranten, müssten bis zum Abitur gelangen und ein Studium beginnen.

BERLIN. Einen deutlichen Vorsprung hat die Bundesrepublik bei den Hochqualifizierten nur noch gegenüber Südeuropa und den neuen EU-Mitgliedern. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Hochschulinformationssystems, des Bundesinstituts für Berufliche Bildung und zwei weiterer Institute.

Mitte der 90er-Jahre war das noch anders: Damals lag Deutschland mit 24 Prozent Hochqualifizierten noch an der Spitze, noch etwas besser schnitten lediglich die Nordländer ab. Zurückgefallen ist Deutschland seither vor allem deshalb, weil in den Jahren 2005 bis 2007 die Zahl der Hochqualifizierten erstmals weniger stark gestiegen ist als die der Beschäftigten insgesamt. Das wiederum lag am fehlenden Angebot: So hätten viele zehntausend Ingenieure, aber auch Naturwissenschaftler zusätzlich eingestellt werden können, wenn es sie gegeben hätte. So „musste Deutschland den Anschluss zur Spitze abreißen lassen“, heißt es in der Studie.

Fast ebenso viele Hochqualifizierte wie die Konkurrenz beschäftigt Deutschland nur noch in der „wissensbasierten Industrie“. In allen anderen Sektoren sind die Werte deutlich geringer. Das gilt vor allem für die Dienstleistungen.

Betrachtet man ausschließlich den Anteil der Akademiker an der Erwerbsbevölkerung, so ist Deutschland wegen des weitaus stärkeren Ausbaus in den anderen Nationen sogar ins hintere Drittel abgerutscht – eingerahmt von Frankreich, der Slowakei und Italien. Während die Spitzenreiter Norwegen und Niederlande Quoten von 30 bis 35 Prozent aufbieten, sind es in Deutschland nur rund 17 Prozent Akademiker.

„Nach wie vor ein Vorteil im internationalen Vergleich“ sei die große Gruppe der Arbeitnehmer mit mittlerer Bildung, also vor allem mit Berufsausbildung. Das sind hierzulande fast 60 Prozent der Berufstätigen. Selbst in Frankreich und Nordeuropa sind es dagegen nur rund 45 Prozent. Der größere Mittelbau könne aber die fehlenden Hochqualifizierten kaum kompensieren, heißt es.

Da das Problem kaum per Zuwanderung gelöst werden kann, empfiehlt die Studie – wie nahezu alle Experten – stille Reserven zu erschließen: Mehr junge Leute, vor allem Migranten, müssen bis zum Abitur gelangen, davon wiederum müssen mehr auch tatsächlich ein Studium beginnen, vor allem Frauen. Schließlich müssen die hohen Abbrecherquoten von rund 20 Prozent sinken.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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