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„Akademische Nullnummer“: Der Krieg der Ökonomen eskaliert

An Deutschlands Wirtschaftsfakultäten tobt ein erbitterter Kampf um den Ökonomenaufruf gegen die Beschlüsse des Euro-Gipfels. Nun gießt Initiator Walter Krämer Öl ins Feuer und knöpft sich seine Gegner vor. Den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger nennt er eine „akademische Nullnummer“.

Der Dortmunder Professor Walter Krämer. Quelle: dapd
Der Dortmunder Professor Walter Krämer. Quelle: dapd

DüsseldorfNichts zeigt die Zerstrittenheit deutscher Ökonomen so dramatisch, wie ein Interview mit dem Ökonomieprofessor Walter Krämer in der Dortmunder Studentenzeitung „Pflichtlektüre“. „Was von unseren Gegnern an Gehässigkeit in die Tinte geflossen ist, das ist ja kaum zu glauben, Leute wie Herr Bofinger der übrigens eine akademische Nullnummer ist.“ Keiner nehme Herrn Bofinger ernst, wettert Krämer. Dieser sei nur in den Rat der Wirtschaftsweisen gekommen, weil die Gewerkschaften ihn dort rein kooptiert hätten. Handelsblatt Online konfrontierte Bofinger mit der harten Kritik, eine Reaktion gab es auf die Email-Anfrage aber bisher nicht.

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"Die Äußerungen des Kollegen Krämer sprechen für sich", meint indes der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. "Wenn kein Argument mehr hilft, ergeht man sich in persönlicher Diskreditierung", schreibt Horn auf seiner Facebook-Pinnwand. "Herr Krämer hat sich damit für weitere wirtschaftspolitische Debatten als ungeeignet erwiesen."

Seit drei Wochen herrscht an Deutschlands Wirtschaftsfakultäten ein erbitterter Kampf - und Krämer  ist der Auslöser. Er hat einen Aufruf gegen die Beschlüsse des Euro-Gipfels initiiert und über 250 Ökonomen haben ihn mittlerweile unterschrieben.

Die Beschlüsse des Euro-Gipfels im Überblick

  • Direkte Bankenhilfe

    Um den Teufelskreis zwischen angeschlagenen Banken und Staatsfinanzen zu durchbrechen, sollen Geldhäuser direkt aus dem Rettungsfonds ESM rekapitalisiert werden, heißt es in der Gipfelerklärung. Durch die Notkredite wird sich dann die öffentliche Verschuldung nicht mehr erhöhen - und die Zinsen könnten sinken. Mit dem Beschluss wird eine Kernforderung Spaniens erfüllt. Aber auch Irland wird in Aussicht gestellt, davon Gebrauch machen zu können, um die Schuldentragfähigkeit zu erhöhen. Die Hilfe soll an „angemessene Bedingungen" geknüpft werden.

  • Bankenaufsicht

    Voraussetzung für die direkte Bankenhilfe ist eine effiziente Aufsicht auf der Euro-Ebene. Die Kommission wurde beauftragt, in Kürze einen Vorschlag für einen entsprechenden Mechanismus zu präsentieren, an dem die Europäische Zentralbank beteiligt sein soll. Die Mitgliedsstaaten werden aufgerufen, den Gesetzesvorschlag vordringlich bis Ende des Jahres zu prüfen.

  • Rettung für spanische Banken

    Das bereits zugesagte Rettungsprogramm für die spanischen Banken soll so schnell wie möglich beschlossen werden. Anders als bislang vorgesehen, sollen die Kredite der Europartner keinen Vorrang vor Krediten der Privatgläubiger haben, wenn das Geld aus dem ESM kommt. Im Falle einer Pleite müssten die öffentlichen Geldgeber also genauso verzichten wie die Privatwirtschaft.

  • Spar- und Reformverpflichtungen

    Länder, die den Brüsseler Spar- und Reformverpflichtungen nachgehen, erhalten einen erleichterten Zugang zu den Rettungsschirmen. Wenn sie die Instrumente - etwa den Aufkauf von Staatsanleihen durch den Fonds - nutzen, müssen sie sich keinem zusätzlichen Anpassungsprogramm unterwerfen. Sie müssen lediglich eine Vereinbarung unterzeichnen, dass sie die Vorgaben aus dem Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Hausaufgaben der Kommission fristgerecht erfüllen. Das ist ein großes Entgegenkommen an Italien, das bislang aus Sorge vor den strengen Konditionen vor dem Griff zum Eurotropf zurückgeschreckt war.

  • Zeitplan

    Die Eurogruppe soll die Beschlüsse bis zum 9. Juli umsetzen.

  • Europäische Integration

    Die Vertiefung der Eurozone wird vorangetrieben. Die Euro-Chefs einigten sich auf die Baustellen: Den Aufbau einer Banken-Union, einer Fiskal-Union und einer politischen Union. Im Arbeitspapier der Vierergruppe um EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy findet sich weiterhin der Unterpunkt einer schrittweisen Ausgabe von Gemeinschaftsanleihen. Die Bundesregierung wies die Mutmaßung von Italiens Ministerpräsident Mario Monti zurück, damit sei die Tür zu Euro-Bonds geöffnet. Über die Inhalte soll erst auf dem nächsten Gipfel im Oktober gesprochen werden.

Ist Professor Peter Bofinger eine "Nullnummer", wie Ökonomieprofessor Walter Krämer meint? Quelle: Reuters
Ist Professor Peter Bofinger eine "Nullnummer", wie Ökonomieprofessor Walter Krämer meint? Quelle: Reuters

Bofinger hatte den Unterzeichnern des Krämer-Aufrufs vorgeworfen, ihren Job verfehlt zu haben und sprach von „schlimmster Stammtisch-Ökonomie“. In zwei Gegenaufrufen haben sich Ökonomen unterschiedlichster Denkrichtungen von den Aussagen des Krämer-Aufrufs distanziert. Den ersten Gegenaufruf haben zum Beispiel der gewerkschaftsnahe Ökonom, Gustav Horn, und sein arbeitgebernaher Kollege, Michael Hüther, unterschrieben - zwei Leute, die wirtschaftspolitisch eigentlich meilenweit auseinander liegen. Hinter dem zweiten Aufruf, den der Münchner Professor Gerhard Illing und sein Berliner Kollege Frank Heinemann initiiert haben, stehen zum Beispiel der Bonner Ökonomen Martin Hellwig, die frühere Wirtschaftsweise Beatrice Weder Di Mauro und der Chef des Vereins für Socialpolitik, Michael Burda. Burda hatte den Krämer-Aufruf als nationalistisch bezeichnet.

Zu den prominentesten Unterstützern des Krämer-Aufrufs zählt dagegen Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Sinn war es auch, der gemeinsam mit Krämer den Aufruf in einem Gastbeitrag gegen die Kritik vieler Kollegen verteidigte. Beide kennen sich seit 40 Jahren und waren gemeinsame Kollegen an der Uni Mannheim.  Deshalb sahen viele den Ifo-Chef als Mitinitiator des Aufrufs. Dies bestreitet Sinn jedoch.

169 Kommentare

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  • 25.07.2012, 22:57 Uhrshocked

    Nachfolgender Artikel zur Erhellung des Umfeldes auf das sich Bofinger und Co. eingelassen haben:
    http://ineteconomics.org/blog/inet/which-nation-greatest-threat-europe-anatole-kaletskys-debut-column-reuters
    “One country poses an existential threat to Europe – and it is not Greece, Italy or Spain.” It’s Germany. So says Anatole Kaletsky in his thought-provoking debut column for Reuters and the International Herald Tribune. Germany has been the one vetoing every potential solution, Kaletsky says, so anyone looking for the real threat to Europe should go right to the source. Kaletsky suggests that Germany isn’t really looking out for Europe’s best interests – its looking out for Germany’s. “Merkel plays lip service to political union” he writes, “even claiming that democratic accountability is her main condition for financial rescues; but what she means is accountability to German voters, German newspapers and German constitutional judges.” Kaletsky’s point is that Germany’s goal – once again – is to try to make a “German Europe” rather than a “European Germany.” The problem with this approach, he suggests, is that while Germany is in a more powerful geopolitical position vis-à-vis its Europeanneighbors, “it isn’t big and powerful enough to dominate its neighbors decisively, as the U.S. dominates North America or China will dominate the Far East.”Merkel appears to have forgotten this lesson, Kaletsky says, and is instead “instructing the Greeks, Italians, and Spaniards to ‘do their homework’” – an injunction she undoubtedly believes is in these countries’ best interests. Yet, Germany is overplaying its hand.
    “This question is not whether Europe will agree to live under German leadership, but whether Germany will agree to live under EU leadership – or whether the other nations must form a united front against Germany to prevent the destruction of Europe, as they have repeatedly in the past, ” Kaletsky says...

  • 25.07.2012, 12:18 UhrVoellig_durchgeknallter_Bofinger

    Krämer hat vollkommen Recht ! Auch die neueste Bofinger +16 - Warnung wurde von, ja von wem? - von der obersten Abzock-Heuschrecke Soros in Auftrag gegeben. Das sogenannte Warngutachten ruft nach Vergemeinschaftung der Euroländer-Schulden und fettet damit die Banken und deren Erträge aufs Wohltätigste an ! Herr Bofinger und sein DGB-Chef Sommer sind absolut durchgeknallt oder fremdgesteuert.

  • 25.07.2012, 12:03 Uhrwegezeiger

    Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind zwar komplex aber nicht kompliziert. Wenn allerdings kriminelle Energie der Leitfaden des Handelns ist, dann findet Verschleierung statt, Fakten werden bewusst falsch kolportiert. Leider reicht der gesunde Menschenverstand der meisten Politiker nicht aus, um hier unterscheiden zu können. Oft werden die dubiosen Thesen vermeintlicher "Fachleute" einfach nachgeplappert und als große Politik verkauft. So ist Europa nicht zu retten. Ethisches und nachhaltiges Handeln in Verbindung mit Solidarität bringt uns zum Ziel.

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