Aktienkurs
Volkswagenaktien: Schein und Haben

Derzeit könnte sich Hartmut Möllring eigentlich entspannt zurücklehnen: Der CDU-Politiker ist Finanzminister von Niedersachsen und damit Herrscher über gut 59 Mio. Volkswagenaktien. Als der Aktienkurs des Autobauers die 1 000-Euro-Marke knackte, war das Land um 46 627 624 900 Euro reicher als am Wochenende, als die Papiere noch 210 Euro kosteten.

DÜSSELDORF. Mit bangen Augen schauen Haushaltspolitiker von Bund und Ländern auf die nächste Steuerschätzung und zittern, welch böse Überraschungen die Finanz- und Wachstumskrise ihnen noch bescheren wird. Landesbanken, Gewinnwarnungen und Rezessionsangst treiben ihnen den Angstschweiß auf die Stirn. Allen? Nein.

Niedersachsen erwirtschaftete im vergangenen Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von 207 Mrd. Euro. Der Kursgewinn der Volkswagenaktie seit Jahresanfang entspricht also einem Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung der knapp acht Millionen Niedersachsen eines Jahres. Angesichts dieses Schatzes wirken Begriffe wie Schuldenbremse und Haushaltslöcher wie Fremdwörter. Am Dienstag war die VW-Beteiligung des Landes zeitweise 60 Mrd. Euro wert – da ist das Loch im letzten Landesetat von 650 Mill. Euro kaum der Rede wert.

Selbst den Schuldenberg von rund 49 Mrd. Euro könnte das Land rein rechnerisch auf einem Schlag mit dem Verkauf des VW-Pakets tilgen. Und es wäre immer noch genug übrig, um den in Bedrängnis geratenen Autozulieferer Conti komplett für rund fünf Mrd. Euro zu kaufen und jedem Bewohner des Landes einen Scheck über 1 000 Euro auszustellen – wohl eine Garantie für die Regierung auf den nächsten Wahlsieg.

Leider hat die Geschichte einen Haken. Ursache für die Kurskapriolen der VW-Aktien ist, dass zu wenig Papiere auf dem Markt sind. Auf 74,1 Prozent der Papiere hat Porsche den Daumen drauf, gut 20 Prozent hält Niedersachsen, so dass nur rund fünf Prozent der VW-Aktien tatsächlich am Markt verfügbar sind. Da es offensichtlich Investoren gibt, die um fast jeden Preis die Anteilsscheine kaufen wollen oder müssen, treibt das den Kurs in fantastische Höhen. Würde Niedersachsen tatsächlich verkaufen, bräche der Kurs ein.

Pech für Möllring – man kann ihm nur wünschen, dass nicht irgend jemand mal auf die Idee kommt, solche Wertzuwächse im Länderfinanzausgleich zu berücksichtigen. Dort ist Niedersachsen nämlich Nehmerland.

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