Akuter Kreditengpass befürchtet
Wirtschaft verlangt nach frischem Geld

Gibt es in Deutschland eine Kreditklemme, unter der Unternehmen leiden? Ein klares Nein kommt von Wirtschaftsexperten des ZEW. Sie haben in einer Studie herausgefunden, dass die Kreditvergabe seit Anfang 2008 kontinuierlich steige – trotz Rezession. Die Industrie klagt dagegen über einen Kreditengpass und sieht die Konjunkturerholung gefährdet, sollte die Politik nicht reagieren.

FRANKFURT/BERLIN. Die deutsche Industrie fürchtet, dass ein möglicher zaghafter Aufschwung durch fehlende Kredite gleich wieder abgewürgt werden könnte. „Wenn nach dem Vorliegen aller Abschlüsse des zweiten Quartals der Abschreibungsbedarf in den Bankbilanzen feststeht, dann besteht im Herbst 2009 oder Anfang 2010 die Gefahr, dass eine Kreditklemme entstehen könnte“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf bei Vorlage des neuen BDI-Konjunktur-Reports. „Ein Wiederaufleben des Verbriefungsgeschäfts ist das A und O, um dies zu vermeiden“, sagte er.

Das Verbriefungsgeschäft, bei dem Banken Kredite bündeln und am Kapitalmarkt verkaufen, um sich neues Geld für neue Kredite zu beschaffen, ist durch die Finanzkrise praktisch zum Stillstand gekommen. Undurchsichtige strukturierte Kreditbündel, deren Wert 2008 einbrach, waren die Hauptursache für die Finanzkrise. „Neue Verbriefungen müssten heute eine Packungsbeilage über Risiken und Nebenwirkungen bekommen“, sagte Schnappauf. Für ein funktionierendes Bankensystem seien sie unverzichtbar.

Bankenverbände hatten gefordert, dass der Staat das Geschäft durch seine Beteiligung an Verbriefungen anschieben sollte. Dies sieht der BDI kritisch: Zumindest müsse dann vereinbart werden, dass die Banken einen höheren Anteil als vorgeschrieben in ihren Büchern halten, um dem Steuerzahler nicht erneut ein Risiko aufzubürden, sagte Schnappauf.

Der BDI sieht die Industrie in einer Phase noch länger andauernder Unsicherheit. Der „Sturzflug bei den Auftragseingängen scheint nun beendet“, so Schnappauf. Der Aufstieg aus dem Konjunkturtal werde lang und schwer werden. „Wir sollten uns mental darauf einrichten, dass uns eine mehrjährige Durststrecke bevorsteht“, sagte er. Wenn es in dieser Phase zu Finanzierungsengpässen käme, drohe ein weiterer Abschwung. „Aktuell haben wir allerdings noch keine Kreditklemme.“

Diesen Befund teilen die Ökonomen vom ZEW. „Von einer Kreditklemme in Deutschland kann keine Rede sein“, sagt ZEW-Forscher Michael Schröder. In einer aktuellen Analyse kommt er zu dem Ergebnis, dass – zumindest bis Mai 2009 – eher das Gegenteil der Fall ist: Das Kreditvolumen in Deutschland steige seit Anfang 2008 zwar schwach, aber kontinuierlich an – wohingegen es im übrigen Euro-Gebiet sinke. Angesichts des gerade in Deutschland mit minus sechs Prozent besonders scharfen Konjunktureinbruchs sei eher ein Rückgang bei der Kreditvergabe zu erwarten gewesen. Die Ausweitung gelte allerdings nur für Kreditlaufzeiten von weniger als fünf Jahren. Längerfristige Kredite stagnierten, bestätigte Schröder Klagen aus der Großindustrie.

Wie schnell sich die deutsche Industrie von dem Auftragseinbruch wieder erholt – von Mai 2008 auf Mai 2009 betrug er 30 Prozent –, hängt entscheidend vom Export ab, und damit von der Entwicklung der Weltwirtschaft. Sobald es dort zu einer deutlichen Erholung komme, habe die deutsche Industrie gute Wachstumschancen. „Derzeit spricht jedoch wenig dafür, dass die Weltwirtschaft zügig wieder in Gang kommt“, so Schnappauf. Ein Szenario, bei dem das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) schon 2010 wieder um 2,5 Prozent zulegt, sei aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Ursache sei die Entwicklung in den USA. Dort habe die Wirtschaft erhebliche strukturelle Anpassungen vor sich und werde daher erst nach einiger Zeit wieder auf einen stabilen Wachstumspfad zurückkehren.

Dem widersprechen allerdings die Volkswirte der Allianz: Sie erwarten 2010 einen Zuwachs sogar um 2,7 Prozent – vor allem wegen eines starken Anziehens der Exporte um je plus fünf Prozent bereits im dritten und im vierten Quartal 2009. Allerdings, so Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise, sei die Erholung nicht von langer Dauer: Die Zahl von 2,7 Prozent im Jahr 2010 „verdeckt, dass sich das Wirtschaftswachstum im Jahresverlauf 2010 erheblich abschwächen wird“, so Heise. Er begründete seinen Optimismus für die Zeit um die Jahreswende damit, dass dann die Investitionen aus den staatlichen Konjunkturpaketen wirken würden.

Wegen steigender Arbeitslosigkeit und einer zunehmenden Zahl von Insolvenzen sei die Lage generell von Unsicherheit geprägt, sagten Heise wie Schnappauf. Der BDI hält einen Abbau von Produktionskapazitäten für unvermeidbar. Der Absturz der Konjunktur seit 2008 hat die Auslastung der Fabriken von 85 auf 70 Prozent verringert.

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