
HB ALLENSBACH. Als „Gedächtnis der Deutschen“, „Herrin der Zahlen“ oder „Pythia vom Bodensee“ ist sie bezeichnet worden: Elisabeth Noelle-Neumann, Pionierin der Meinungsforschung in Deutschland, ist am Donnerstag im Alter von 93 Jahren in Allensbach am Bodensee gestorben. Jahrzehntelang hat sie mit wissenschaftlichen Methoden das Fühlen und Denken der Deutschen durchleuchtet. Selbst dem Glück wollte die Sozialforscherin auf die Spur kommen. „Glück muss ich messen können“, sagte sie einmal.
Das erste deutsche Meinungsforschungsinstitut hatte sie 1947 zusammen mit ihrem Mann, dem CDU-Abgeordneten und Journalisten Erich Peter Neumann, in dem Bodensee-Städtchen gegründet. Das war nicht ohne Widerstand abgegangen. Der neuen wissenschaftlichen Disziplin schlug zuerst nur Ablehnung entgegen. „Wir wurden ausgelacht“, berichtete sie über den schwierigen Beginn. Ohnehin hat sie sich stets als Außenseiterin gefühlt. „Wissenschaftler müssen - genau wie Künstler - unbedingt ertragen können, Außenseiter zu sein“, sagte sie. Ein Wissenschaftler war auch ihr zweiter Mann. Der Kernphysiker Heinz Maier-Leibnitz starb im Dezember 2000. Seit seinem Tod verwendete sie nur noch ihren Mädchennamen Noelle.
Mit ihrem Lebensthema war Noelle-Neumann erstmals 1937/38 während eines Studienaufenthalts in den USA in Kontakt gekommen. 1916 in Berlin geboren, hatte sie zunächst Philosophie, Geschichte und Zeitungswissenschaften studiert. Zurück in Deutschland machte sie die Untersuchung der öffentlichen Meinung zum Thema ihrer Doktorarbeit („Meinungs- und Massenforschung in den USA“). Darauf folgte eine Karriere als Journalistin in der Nazi-Zeit. 1964 wurde sie als Professorin an die Universität Mainz berufen, wo sie sich der Aufbruchstimmung der 68er Jahre widersetzte.
Im Laufe der Jahrzehnte hat Allensbach Mio. von Menschen in Deutschland befragt. Die repräsentativen Umfragen betreffen alle Bereiche von Politik über Wirtschaft bis zu Konsum, Kultur und Religion. Die Demoskopen haben die Lebenseinstellung der Deutschen, ihre Hoffnungen und Ängste, Vorlieben und Abneigungen unter die Lupe genommen. 95 feste Mitarbeiter und rund 2000 nebenberufliche Interviewer sind heute für das Institut tätig, dessen Leitung sich Noelle-Neumann von 1988 an mit Renate Köcher geteilt hatte. Um die Zukunft als unabhängiges, wissenschaftliches Institut zu sichern, wurde es 1996 in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht.