Alternative für Deutschland Warum über 80 Prozent der AfD-Anhänger schwarz für Deutschland sehen

Eine aktuelle Studie zeigt: AfD-Anhänger sind mehrheitlich Pessimisten. Die Partei hält das für Unfug. Dabei liegt liegt der düstere Zukunftsblick auf der Hand.
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Laut der Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung verbinden die AfD-Wähler mit ihrer Partei vor allem Aufregung, Empörung, Unbehagen und Angst. Quelle: Reuters
AfD-Anhänger vor dem Kanzleramt in Berlin

Laut der Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung verbinden die AfD-Wähler mit ihrer Partei vor allem Aufregung, Empörung, Unbehagen und Angst.

(Foto: Reuters)

BerlinJörg Meuthen ärgert sich. Dass AfD-Anhänger und -Wähler besonders pessimistisch seien, sei „schlicht Unfug“, sagt der Bundesvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD). „AfD-Wähler sind keine Pessimisten, sie sind Realisten.“

Woran sich Meuthen stört, sind Ergebnisse einer Studie, die die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung kürzlich veröffentlicht hat. Die Autoren haben Emotionen in der Politik in den Blick genommen und dabei die Zukunftserwartungen der Wähler in Deutschland abgefragt. Vor allem mit Blick auf die AfD scheint der Befund der drei repräsentativen Umfragen eindeutig.

Der Aussage „Wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für Deutschland“ stimmen demnach 33 Prozent der Befragten zu. Unter den AfD-Anhängern sind es 83 Prozent, bei den Unionsanhängern nur 14 Prozent. Dazwischen liegen FDP (15), SPD (17), Grüne (22) und Linke (53).

Dem Satz „Ich habe häufig Angst vor dem, was kommen wird“, stimmen insgesamt 34 Prozent zu, bei den Unionsanhängern sind es 19 Prozent, bei den AfD-Anhängern 59 Prozent. Dazwischen FDP (22), SPD und Grüne (je 34), Linke (43).

Auffällige Unterschiede zwischen den Parteien gibt es auch bei der Frage, welche Gefühle die Wähler insgesamt verbinden. Das sind bei der AfD vor allem Aufregung, Empörung, Unbehagen und Angst. Bei der Union werden, allerdings erheblich weniger stark ausgeprägt, Sicherheit, Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung genannt.

Anders als der AfD-Chef halten Politikwissenschaftler die Befunde für durchaus plausibel, zumal sie sich teilweise mit anderen Untersuchungen decken. Der Berliner Oskar Niedermayer findet es allerdings auch „besorgniserregend, dass ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Zukunft mit Ängsten und Sorgen entgegensieht“. Dass dies bei den Anhängern der AfD deutlich stärker ausgeprägt sei, sei zu erwarten gewesen. Denn, so Niedermayer, die Politik dieser Partei ziele darauf ab, „Ängste zu artikulieren, zu schüren und zu verstärken“.

Nicht eindeutig beantworten lässt sich aus Sicht Niedermayers, inwieweit solche Einstellungen „realistisch“ oder zu „pessimistisch“ seien. Aufgrund der Komplexität der Probleme wie etwa der Flüchtlingskrise, der Fülle von sich teilweise widersprechenden Daten und der konkurrierenden Problemdeutungen könne hier „objektiv nur sehr schwer“ eine Aussage getroffen werden. Allerdings, so der Professor an der Freien Universität zu Berlin, spiele die „objektive“ Problemlage für das Wahlverhalten der Leute auch keine Rolle, „da sie sich nach ihrer subjektiven Problemsicht richten“.

Der Berliner Rechtspopulismus-Forscher Hajo Funke sieht indes in den Befunden der Experten der Konrad-Adenauer-Stiftung Parallelen zu früheren Studien des deutschlandweit anerkannten Konfliktforschers Andreas Zick von der Universität Bielefeld. Danach seien AfD-Anhänger „mit der gesamten Politik der Republik nicht einverstanden“. „Sie sehen daher schwarz für Deutschland – verbunden mit einer Angst, die durch die Angstmacher in der Partei gegenüber allen größeren ethnischen und religiösen Minderheiten aufgeheizt wird“, sagte Funke dem Handelsblatt.

Für „peinlich“ hält Funke daher auch die Aussagen des AfD-Chefs. Meuthen hatte mit Blick auf die Studienergebnisse seinen eigenen Blick auf die AfD-Wählerschaft kundgetan. Er hält sie für Wertkonservative, die bürgerlichen Berufen nachgingen, weshalb sie sich, so glaubt er, in den Sachverhalten, über die sie sprächen, auskennen und diese „nach validen Kriterien“ bewerten würden. Als Beispiele nannte Meuthen die Migrations- und Diesel-Krise. „Wenn dies zu pessimistischen Zukunftsbewertungen führt, so liegt das am kompletten politischen Versagen der Altparteien und beweist lediglich, dass AfD-Wähler weniger naiv sind.“

Dass sich Meuthen hier teilweise selbst widerspricht, scheint er nicht zu merken. Er bestreite einerseits, dass die AfD-Anhänger und Wähler besonders pessimistisch seien, konstatiert der Politikprofessor Funke, um sodann genau das im nächsten Satz zu bestätigen, wenn er davon spreche, dass die „Altparteien“ komplett versagten. „In diesem Sinn bestätigt er und ein großer Teil der Anhänger dieser Partei von über 80 Prozent, dass die Partei eine andere Republik will und solange schwarz sieht für sich und Deutschland und überhaupt.“

Schon 2016, als Zick seine Studien veröffentlicht habe, so Funke, hätten Menschen, die die AfD wählen wollten, zu 83 Prozent zu neurechten Einstellungen geneigt. Zudem hätten sie sich zu einer Hälfte fremden- und muslim- und zu drei Vierteln asylfeindlich und feindlich gegenüber arbeitslosen Menschen gezeigt.

Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt vermutet indes hinter der Auseinandersetzung zwischen der AfD und den übrigen deutschen Parteien einen „neuen gesellschaftlichen Großkonflikt“. Das sei der zwischen jenen, welche den Wandel Deutschlands zu einer multikulturellen und multiethnischen Gesellschaft befürworteten, und jenen, die ihn verhindern wollten, sagte Patzelt dem Handelsblatt. „Die Letzteren sind der Ansicht, durch die laxe Zuwanderungs- und Integrationspolitik werde der erreichte Wohlstand Deutschlands auf Spiel gesetzt.“ Wer die Lage so einschätze, so Patzelt, gehöre zur „zentralen Wählerschicht“ der AfD.

Daraus schließt Patzelt, dass diese Leute „nicht einfach aus persönlichen Gründen pessimistisch sind, etwa weil sie besonders angstbesessen“ wären. Sondern sie beurteilten die Lage des Landes einfach anders als die Anhänger von Union, SPD und Grünen.

Dass die Anhänger der anderen Parteien sich in ihrer Zukunftssicht teilweise deutlich von denen der AfD unterscheiden, hat nach Patzelts Einschätzung naheliegende Gründe. „Seitens der Unionswähler verhält es sich so, dass ihre Partei seit langer Zeit Deutschland regiert und somit auch für den insgesamt guten Zustand unseres Landes mitverantwortlich ist, das aber stiftet Zuversicht“, erläuterte er.

Und die Minderheit der Wähler von SPD und Grünen mache sich ohnehin jene Sorgen gerade nicht, welche die AfD-Wähler bewegten. „Und weil auch sie erkennen, dass die Lage unseres Landes gegenwärtig insgesamt ziemlich gut ist, blicken sie eben mit besonders wenig Sorgen in die Zukunft“, so Patzelt.

Den Unterschied, den die Forscher der Konrad-Adenauer-Stiftung in der „psychischen Haltung der Wähler“ ausmachen, erweist sich, wie Patzelt bemerkt, auf den zweiten Blick als „großer Unterschied in der Lagebeurteilung“. Genau das versuche Meuthen zum Ausdruck zu bringen, wenn er vom „Realismus der AfD-Wähler“ spreche. Das bedeutet aber nicht, dass der AfD-Chef richtig liegt. „Wer nun bei der Einschätzung der Lage unseres Landes und mit seinen Sorgen oder mit seiner Zuversichtlichkeit ob der Zukunft wirklich recht hat, ist natürlich Gegenstand einer offenen politischen Debatte“, so Patzelt.

Der AfD dürfte derweil bewusst sein, woher ihre Wähler kommen und wie sie ticken. Dass manche grenzwertige Vorstellungen davon haben, wie der Zustand Deutschlands beurteilt und deshalb das Land künftig regiert werden sollte, nimmt die Partei dabei offenbar gerne in Kauf. Mehr noch: Führende Funktionäre befeuern noch die schwelenden Ressentiments in ihrer Anhängerschaft gegenüber allem und jedem, der nicht in das eigene Weltbild passt, wie zuletzt Alice Weidel.

Die AfD-Fraktionschefin sorgte kürzlich mit einer provokanten Kritik an der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) für Empörung im Bundestag. „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern“, sagte sie in der Aussprache über den Haushalt 2018. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble tadelte sie dafür. Weidel diskriminiere damit alle Frauen, die ein Kopftuch tragen, sagte der CDU-Politiker. „Dafür rufe ich Sie zur Ordnung.“

Auch wenn Weidel danach vergeblich versuchte, die Rüge über einen schriftlichen Einspruch rückgängig zu machen: Die AfD dürfte wenig beeindrucken, wie ihre politischen Gegner auf sie reagieren. Im Gegenteil: Die Opferrolle, die sie gerne einnimmt, hilft ihr mitunter sogar, ihre Position nicht nur zu festigen, sondern noch zu stärken. Da die AfD glaubt, in der Bevölkerung großen Rückhalt zu haben, nutzt sie auch den Straßenprotest als zusätzliches Mittel der politischen Auseinandersetzung.

Für Sonntag erwartet die Partei einige tausend Teilnehmer an ihrer Demonstration „Zukunft für Deutschland“, die am Mittag (12.00 Uhr) vom Hauptbahnhof in Berlin zum Brandenburger Tor ziehen will. Meuthen, der für die AfD im Europäischen Parlament sitzt, hatte bislang kein Faible für Demonstrationen als politische Aktionsform gezeigt. Bei der Abschlusskundgebung am Sonntag ist er als Redner angekündigt.

Zahlreiche Gruppen wollen zur gleichen Zeit in Berlin gegen die AfD demonstrieren. Sie werfen den Rechtspopulisten rassistische Hetze vor.

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