Altes Thema, neuer Vorstoß
DIHK beißt mit Lohnkürzungs-Vorschlag auf Granit

Die Wirtschaft hat einen neuen Vorstoß unternommen, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu reduzieren.

HB BERLIN. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, forderte, dass kranke Arbeitnehmer an den ersten beiden Krankheitstagen auf ihren Lohn verzichten sollten. Mit diesen zwei Karenztagen würden Unternehmen deutlich entlastet. Trotz des relativ niedrigen Krankenstandes koste die Lohnfortzahlung die Unternehmen pro Jahr fast 30 Mrd. Euro.

Gewerkschaft wütend

Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die IG Metall reagierten empört auf die Forderung. DGB-Chef Michael Sommer warf Braun vor, sich damit zum Fürsprecher der jener Scharfmacher im Unternehmerlager zu machen, "die sich von ihren sozialen Verpflichtungen in unserer Gesellschaft loseisen wollen". IG-Metall-Chef Jürgen Peters bezeichnete es als "dreist und perfide, dass jetzt auch kranke Menschen zur Entlastung der Unternehmer herangezogen werden sollen“. DIHK-Chef Braun habe offenbar jedes Gefühl für Anstand verloren.

Der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner warf Braun vor, er wolle nichts anderes als eine Steigerung der Unternehmensgewinne auf Kosten von Kranken. Auch das Bundesgesundheitsministerium wies die Forderung zurück. Der Krankenstand sei so niedrig wie nie, was die Unternehmen schon entlastet habe, sagte ein Sprecher. Zudem sei die Wirtschaft seit dem 1. Juli bei den Krankenkassenbeiträgen um 4,5 Mrd. Euro entlastet worden. Weitere Eingriffe in die Arbeitnehmerrechte würden abgelehnt. Im vergangenen Jahr war der durchschnittliche Krankenstand in Betrieben mit 3,37 Prozent der Sollarbeitszeit auf einen historischen Tiefstand gesunken.

Auch Union sagt Nein

Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Ronald Pofalla, kündigte an: "Die Union wird an der gesetzlichen Regelung zur Lohnfortzahlung nicht rütteln. Hier gibt es keine Änderung am Gesetz". Die Ausgestaltung der Lohnfortzahlung sei in erster Linie Sache der Tarifparteien. "Wir können nicht in Sonntagsreden mehr Eigenverantwortung fordern und dann bei jedem Problem nach dem Staat rufen."

Forderungen der Wirtschaft nach solchen Einschränkungen werden immer wieder laut. Erst kürzlich hatte sich Handwerkspräsident Otto Kentzler dafür ausgesprochen, die 100-prozentige Lohnfortzahlung bei Krankheit zu senken und Krankheitstage mit dem Urlaub zu verrechnen.

Kohl-Regierung hatte eine solche Regelung erlassen

1996 hatte die Koalition aus Union und FDP Einschnitte bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall beschlossen, was auf heftige Gegenwehr der Gewerkschaften bis hin zu Arbeitsniederlegungen gestoßen war. Danach sollten Arbeitnehmer im Krankheitsfall erst am dritten Tag die Entgeltfortzahlung erhalten, die zudem von 100 auf 80 Prozent des Arbeitsentgelts gekürzt wurde. Alternativ konnten die Beschäftigten die ersten beiden Krankheitstage auch vom Urlaub abziehen lassen.

In der Praxis spielte die eingeschränkte Lohnfortzahlung aber schon damals keine große Rolle, weil sie oft durch Tarifverträge aufgehoben wurde. Die rot-grüne Bundesregierung machte die Regelungen dann wieder rückgängig.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%