Altkanzler Gerhard Schröder
Rückkehr für eine Woche

Nach einjähriger politischer Abstinenz ist Gerhard Schröder wieder zurück im Scheinwerferlicht. Die Veröffentlichung seiner Memoiren gibt dem Ex-Bundeskanzler wohl zum letzten Mal die Gelegenheit für kurze Zeit in die politische Debatte in Berlin einzugreifen. Schröder will punkten, solange er noch Einfluss auf das Geschichtsbild nehmen kann.

BERLIN. Es ist lange her, dass Politiker zitterten, wenn sie montags den „Spiegel“ in die Hand nahmen. Am heutigen Montag dürften sie ihn zumindest etwas aufmerksamer lesen, weil sie wissen wollen, wer alles sein Fett abbekommt. Denn wie in der „Bild“-Zeitung sind dort Auszüge der Erinnerungen Gerhard Schröders abgedruckt. Nur ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Amt will der Altkanzler, der nicht so genannt werden möchte, abrechnen und erklären. Und mit Genugtuung dürfte der Niedersachse in seinem Berliner Büro Unter den Linden 50 verfolgen, dass er – wohl zum letzten Mal – eine Woche lang wieder die politische Debatte in Berlin mitbestimmen kann.

Schon am Wochenende löste Schröder mit einer Interview-Flut hektische Betriebsamkeit aus. Nach einer einjährigen Karenzzeit nahm er erstmals wieder zu aktuellen politischen Fragen Stellung. Es hagelte Kritik an seiner Nachfolgerin Angela Merkel und dem zentralen Teil der Gesundheitsreform der großen Koalition. Vernichtende Urteile über seine ehemaligen Gegner wie Oskar Lafontaine, Jürgen Peters (IG Metall), Frank Bsirske (Verdi), Edmund Stoiber (Bayerns Ministerpräsident) und George Bush (US-Präsident) lösten empörte Stellungnahmen aus. Der einstige Medienkanzler genießt dies – weil er (wieder einmal) selbst seine Gegner für seine Ziele einspannt, nämlich in die Vermarktungsstrategie für sein am kommenden Wochenende erscheinendes Buch.

Die Kritik daran, dass er bereits jetzt Bilanz zieht, wischt Schröder lässig beiseite. Sicher, Willy Brandt hat 15 nachdenkliche Jahre gebraucht, bis er sich an seine Memoiren wagte. Helmut Kohl immerhin sechs. Aber nationale oder gar internationale Geheimnisse verrät Schröder in dem zusammen mit seinem früheren Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye entstandenen Buch ohnehin nicht. Zudem haben sich die Zeiten eben geändert, sind schnelllebiger geworden.

Und Schröder will punkten, solange noch öffentliches Interesse an ihm besteht – und solange sein Bild für die Geschichtsschreibung noch formbar ist. Es gilt auch, den Imageverlust durch seinen umstrittenen Auftritt am Wahlabend und die nicht weniger umstrittenen folgenden Wirtschaftsjobs wie für die Ostsee-Pipeline, Rothschild-Bank und den Ringier-Verlag zu korrigieren. Als Erklärung, keineswegs als Entschuldigung, betont der 62-Jährige nun, dass ihm sein hektischer Wechsel in die Wirtschaft auch über das mehrmonatige „Loch“ nach Ende der siebenjährigen Amtszeit hinweghalf. Seither reist er viel, hält gut bezahlte Reden, schlendert gelegentlich Unter den Linden entlang, hat Englisch gelernt und ein zweites russisches Kind adoptiert.

Zudem hat Schröder an dem Buch gebastelt, das vor allem zwei Aufgaben erfüllen soll: ein Mysterium aufzuklären und die Meinungshoheit über zwei Themen zu erobern. Eine Serie von TV-Auftritten und eine von einem alten Wegbegleiter, Jürgen Leinemann, gedrehte ARD-Dokumentation sollen dies absichern.

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