Altkanzler Schmidt
Warnung vor der Euro-Apokalypse

Lob für Merkels Euro-Kurs, Rüffel für die Euro-Bremser: Mit deutlichen Worten hat sich Altkanzler Schmidt in die Krisendebatte eingeschaltet. Er mahnt eine Lösung an und sieht Europa bereits Richtung Abgrund driften.
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BerlinEs ist ein diesiger Abend in Berlin. Der tiefhängende graue Himmel drückt die schwüle Hitze auf die Gemüter. Im Freien ist es kaum auszuhalten.  Krisenwetter.  Drinnen ist es angenehm kühl. Gute Vorzeichen für das, was dann kommen sollte. Zumindest keine Krisenstimmung. Denn an diesem Montagabend feiert die Atlantik-Brücke im Deutschen Historischen Museum nicht nur ihren 60. Geburtstag, sie feiert auch Helmut Schmidt. Der ehemalige Bundeskanzler erhält den Eric-M.-Warburg-Preis für sein transatlantisches Engagement. Im Schlüterhof nimmt der 93-Jährige die Auszeichnung entgegen. 

Kanzlerin Angela Merkel hält die Festrede, ihr einstiger Widersacher Friedrich Merz die Laudatio. Merz wird später von einer „Sternstunde für die Atlantik-Brücke“ sprechen – womöglich auch, weil er selbst beeindruckt gewesen sein mag von Schmidts Dankesrede, die sich fast ausschließlich um die Euro-Krise und ihre Folgen dreht. Also doch Krisenstimmung?

Jedenfalls dürfte wohl niemand in dem historischen Saal damit gerechnet haben, dass der „große transatlantische Staatsmann“, wie US-Botschafter Philip Murphy Schmidt nennt, die Gunst der Stunde und der anwesenden prominenten Öffentlichkeit nutzt, um in altbewährter Manier das Euro-Krisenmanagement schonungslos zu zerpflücken, und schließlich mit mahnenden Worten eine rasche Lösung der Schuldenprobleme anzumahnen. Schmidt lässt dabei die USA nicht aus. In wenigen Worten erklärt er, dass auch die Vereinigten Staaten bisher ebenfalls nicht viel zur Krisenbewältigung beigetragen haben.

Es klingt dabei schon fast wie bissige Ironie, wenn der Altkanzler den Rettungspolitikern zwar zugesteht, im Jahre 2008 eine Reihe von Banken gerettet zu haben. Aber dann resümiert, dass sie weder in den USA noch im Mittelmeerraum noch in vielen Staaten Europas „eine tiefe ökonomische Rezession und große Angst und sogar Verzweiflung und sogar Rebellion auslösende Arbeitslosigkeit“ hätten verhindern können. Schmidt geht in seiner Bewertung sogar noch weiter. Sein Fazit der Rettungsanstrengungen ist vernichtend und hat in dem Duktus, in dem er es vorträgt, beinahe etwas Apokalyptisches: „Nach einem halben Jahrhundert seit Beginn der europäischen Integration finden wir uns in einer tiefgreifenden Krise fast aller europäischen Institutionen“, sagt Schmidt unverhohlen in das staunende Publikum. Niederschmetternder kann eine Euro-Analyse kaum ausfallen. Nur, wer führt Europa heraus aus dem Schlamassel?

Für Schmidt steht das außer Frage. Er macht keinen Hehl daraus, wem er in der Krise noch vertraut und wem nicht. Es ist der Euro-Kurs der Kanzlerin, den er unterstützt und es sind die Karlsruher Verfassungsrichter, denen er einen derben Rüffel für ihr andauerndes Euro-kritisches Dazwischengrätschen verpasst. Angesichts der Schuldenkrise seien „Entschlusskraft und Opferbereitschaft dringend geboten“, sagt der Altkanzler. „Man muss sein Herz über die Hürde werfen. Das gilt ganz gewiss auch für uns Deutsche und ganz gewiss auch für das Bundesverfassungsgericht.“ Hintergrund seiner Mahnung sind die anhängigen Eilklagen in Karlsruhe gegen den dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM und den europäischen Fiskalpakt für eine straffere Haushaltsdisziplin. Schmidts Richterschelte kommt beim Publikum gut an. Er erntet Applaus.

Kommentare zu " Altkanzler Schmidt: Warnung vor der Euro-Apokalypse"

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  • Frau Merkel, Herr Schäuble, hören Sie. ES IST GENUG!!! Sie treiben Generationen von Deutschen ins Elend!!! Dieser Wahnsinn muß aufhören!!!

  • Bert_von_Wigeln

    Wer die Visionen des Anti-Demokraten und Ober-Bilderbergers Helmut Schmidt für wertvoll hält (wie es die anwesende transatlantische "Elite" offensichtlich tut), sollte zum Arzt gehen.
    ...........

    Schmidt sollte selbst wegen seiner offensichtlichen Nikotinverkalkung im Gehirn zum Arzt gehen, vielleicht verordnet der ihm Redeverbot in der Öffentlichkeit.

  • 04.07.2012, 14:27 ursularenner

    Also will auch Herr Schmidt unbedingt eine Transferunion. Dass das nie funktioniert, sieht er doch bereits beim deutschen Länderfinanzausgleich: einmal Empfängerland, immer Empfängerland. Warum nehmen wir uns nicht ausnahmsweise mal die USA zum Vorbild, dort gibts kein bail-out?
    ....................

    Mich wundert auch, warum niemand erkennt, dass eine Schuldenhaftung / Transferunion das Ende jeder menschlichen Gemeinschaft ist von der Familie bis zum Staatenbund. Schon die Ehefrauen werden von ehrlichen Kaufleuten / Bankern gewarnt, keine Bürgschaft zu übernehmen.

    Das Ende des Euro lässt sich genau datieren: Es ist der 9./10. Mai 2010, wo Merkel sich von Sarkozy hat erpressen lassen, "Griechenland zu retten" und den wichtigsten Garanten für die Stabilität einer Währung aufzugeben, den No-Bailout-Art.125 AEUV Maastricht. Er ist bis heute geltendes Euro-Recht, das jetzt für alle Zeit mit dem ESM gebrochen werden soll. Wer hat ein Interesse daran? Nur die Global Finance, denn sie kann ohne Schuldner nicht existieren.

    Wenn Merkel damals der "Griechenland-Rettung" nicht zugestimmt hätte, wären die französischen Großbanken samt ihrem Günstling Sarkozy pleite gegangen.

    Deutschland war zwar genau so stark in GRE engagiert, aber da waren es "nur" die Steuerzahler und kleinen Leute mit ihren Landesbanken/Sparkassen und staatlichen BadBanks aus HRE/FMS und WestLB.

    Inzwischen ist das nicht mehr tabu. Vor drei Tagen durften ARD sogar in der Tagesschau berichten, dass unsere FMS in 2011 einen Verlust von 8,9 Milliarden bei GRE-Staatsanleihen einzustecken hatte. Verantwortlch für diesen Verlust ist der zuständige Fi-Mi Dr. fiscalis Schäuble.

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