Altkanzler stellt Europa-Buch vor

Kohl fürchtet um sein Lebenswerk

„Sind wir alle verrückt geworden?“ Das fragt sich Helmut Kohl, wenn er an Europa denkt. So heißt auch sein neues Buch: „Aus Sorge um Europa“. Es ist eine Abrechnung – und zugleich lenkt es von einem anderen Buch ab.
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Kohl: "Ich habe nie aufgehört an Europa zu glauben."

FrankfurtEuropa ist in Gefahr – und Helmut Kohl will davor warnen. Deshalb hat der 84-Jährige ein neues Buch geschrieben, deshalb ist er an diesem Montag in den Adenauer-Saal der Frankfurter Villa Kennedy gekommen. „Aus Sorge um Europa“ (Droemer-Verlag) heißt das Werk, das der Altkanzler vorstellt. Es ist eine Mahnung – und der Versuch, die Deutungshoheit über sein Lebenswerk zurückzugewinnen.

Das Sprechen fällt dem 84-jährigen Altkanzler sichtlich schwer, als er nach der überschwänglichen Laudatio des neuen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker selbst ein paar Worte sagen will. „Es ist ein schönes Buch geworden, ein wichtiges Buch in einer ganz schweren Zeit“, sagt Kohl, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, an der Seite von Ehefrau Maike Kohl-Richter. Nach dem neu verlegten dritten Teil seiner Memoiren hat er nun ein 119-seitiges Plädoyer für das europäische Projekt nachgelegt – eine Analyse des Zustands der Union, eine Erinnerung an seinen eigenen Anteil am europäischen Projekt, und eine Abrechnung mit seinen Nachfolgern.

Es ist auch eine Ablenkung vom zermürbenden Streit um ein anderes Werk. Tauchen doch die Wörter „Kohl“ in Verbindung mit „Buch“ seit Wochen vor allem im Zusammenhang mit dem umstrittenen Werk seines Ex-Ghostwriters Heribert Schwan auf, das auf Tonbandmitschnitten beruht, die Kohl lieber im Giftschrank gelassen hätte und nun dagegen klagt. Darin geht es etwa um Angela Merkel, die angeblich „nicht richtig mit Messer und Gabel essen“ konnte oder um Christian Wulff, der ein „ganz großer Verräter“ gewesen sei. Auch die Größen der deutschen Wirtschaft bekommen ihr Fett weg.

Jetzt soll Schluss sein mit solchem Kleinkram, jetzt, im neuen Buch, geht es statt um die Essgewohnheiten der Kanzlerin oder die Charakterfestigkeit des Ex-Bundespräsidenten um das große Ganze: um Europa.

Ist das noch Kohls Europa? Eine seit Jahren wütende Wirtschaftskrise, Arbeits- und Perspektivlosigkeit fast überall, Zugewinne EU-kritischer Parteien, Großbritannien mit einem Bein draußen, schwindender Identifikation der Unionsbürger und einer brüchigen deutsch-französischen Achse. Wie denkt Kohl, der große Europäer, über den beklagenswerten Zustand seines Projekts?

„Europa befindet sich seit dem Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert in keinem guten Zustand“, heißt es in dem Buch an einer Stelle. „Wir waren in Europa schon einmal sehr viel weiter.“

Egoistische und unfähige Erben
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19 Kommentare zu "Altkanzler stellt Europa-Buch vor: Kohl fürchtet um sein Lebenswerk "

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  • @ Joachim Buch
    Da muß ich Ihnen, ganz im Gegensatz zu Ihrem vorherigen Beitrag, aber widersprechen.
    Kohl sollte unbedingt noch lange genug leben, um die Abschaffung des Euro mitfeiern zu können. Er gehört unbedingt auf die Gästeliste!

  • "Kohl fürchtet um sein Lebenswerk"

    Das Lebenswerk Kohls war nach meiner Meinung die Wiedervereinigung.

  • Irgend einer schwadronierte mal über "die Gnade der späten Geburt" - das ist schon eine ganze Weile her. Warum fiel mir dazu vor kurzem "die Ungnade des zu späten Todes" ein?

  • Halloween war doch schon!
    Warum holt man jetzt dieses Gruselmonster nochmals aus der Kiste?

  • Kohl und Lebenswerk?
    Das was derzeit Kohl in den Mund gelegt wird stammt garantiert nicht von Kohl. Irgendjemand versucht in seinem Namen auf der politischen Plattform mitzuspielen. Oder mit "seinen" Büchern Geld zu machen. Die Medien sollten mit diesen Werbeaktionen aufhören!

  • Falsch!! - den Grundstein der Wiedervereinigung haben Willy Brandt und Egon Bahr gelegt. Kohl hat die Gunst der Stunde genutzt und hat sicherlich einen Teil dazu beigetragen. Das will man ihm ja gar nicht absprechen. Er hat aber auch in diesem Zusammenhang das Deutsche Volk belogen und betrogen. Damals bezifferte er die Kosten der Wiedervereinigung auf 115 Milliarden DM. - Nun ist es ein klein wenig mehr geworden, wie jeder weiß ;-) - Nicht alles, was er jetzt so von sich gibt, ist Blödsinn. Insbesondere die Wichtigkeit des Zusammenhaltes von Europa, um Frieden in dieser Region zu bewahren. Aber, wie heißt es doch so schön: auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn.

  • "Europa war schon sehr viel weiter..." - wie wahr, wie wahr. Das läßt sich zeitlich auch ziemlich genau sagen, wann das war: VOR dem Euro. Diese Kunstwährung ist die Ursache dafür, daß alle Teilenhmerstaaten wieder egoistisch wurden und dann meinte man, indem man der EU noch mehr Macht und Kompetenzen übereignete, es würde dadurch besser. Das Gegenteil ist der Fall - die Bürger betrachten die EU als ein Monster (was sie schlußendlich auch ist), nehmen sie hin, weil man den meisten Volkern Europas verwehrt hat, darüber abzustimmen, ob sie das wollen oder nicht. Daher würde der Zusammenbruch des Euro und der zugehörigen EU eher mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen werden, als als Drama empfunden zu werden. Bei mir würde sich Erleichterung breit machen. Ich habe über ganz Europa verteilt Freunde und Bekannte, meine Schwester ist in Frankreich verheiratet - und bin ein großer Freund der europäischen Idee, aber die momentane "Idee" ist nicht die meine, sondern die der Eurokraten in Brüssel, die NULL und NICHT verstanden haben, was Europa ausmacht. Das beste Beispiel, wie es auch anders gehen kann, sieht man an den Staaten Europas, die eben keinen Euro haben - Dänemark, Schweden, Norwegen, und als leuchtendes Beispiel die Schweiz. Es geht alles, man muß nur wollen. Und weil man so ein ungeliebtes Kunstkonstruktf nicht am Leben erhalten kann, wenn die Unterstützung durch die Bewohner Europas fehlt, wird es zusammenbrechen. Früher oder später. Je später, desto schlimmer ist es für die Bürger.

  • @ Norbert Wolter
    Wo leben Sie? Was Sie da beschreiben, ist die Lebenswelt einer gutbetuchten Minderheit. Sehen Sie sich mal ein wenig in den Wohngebieten von Berlin um (nein, nicht Grunewald). Sondern da, wo die MASSE der Bevölkerung lebt und arbeitet. Ihre Schönwetterwelt auf die Deutschen insgesamt zu beziehen, ist einfach nur albern.

    Das "Lebenswerk" von Kohl gehört, ebenso wie seine Bücher, auf den Müll.

  • "Deutschland ist der Depp der Welt - insbesondere der Atlantische ... ! Vollgeschissen und ausgeplündert."

    Klar, die Deutschen werden so ausgeplündert, dass sie jedes Jahr fleißig Urlaub machen. Aber nicht in Deutschland, sondern jenseits des Atlantiks. "Hach wir waren in Las Vegas, war das toll", jubelte letztens eine meiner Nachbarinnen. Vor 1989 strammes SED-Mitglied und jetzt schwört sie noch immer auf SED/PDS/Linke.Keine Fragen mehr. Warum machen die Deutschen, die Amerika hassen in Amerika Urlaub und nicht in Russland? Hinterm Ural zum Beispiel.? Quasi als Solidaritätsbekundung gegen Ausplünderung.
    Ja, und wir wurden so ausgeplündert, dass wir Deutschen uns mittlerweile im Schnitt 2 Autos pro Familie leisten. Nicht irgendeinen Schraubenhaufen, nein, die neueste Kutsche, natürlich auf Kredit, muss es sein. So ausgebeutet wurden die Deutschen, dass sie von vermummten Schlägertrupps zu den Banken gezerrt wurden, um Konsumentenkredite abzuschließen. Ja, und zum Schluss die von mir in einem anderen Blog erwähnte Oberausbeutung: Meine Herren, der Deutsche, ich meine Manni und seine Friseuse können sich jetzt sogar aufgrund der niedrigen Zinsen endlich ein kleines Häuschen im Grünen leisten und müssen nicht mehr in einem Wohnklo wohnen. Die Armen, so ausgebeutet. Ja der Deutsche tut mir schon leid.
    Ob Deutschland jetzt auch "vollgeschissen" ist, glaube ich nicht. Zumindest rieche ich nichts, im Gegensatz zu den Kloaken während der DunkelDemokratischen Republik, dessen Mief tagtäglich in der Nase lag.
    Nee, ich fühle mich im ausgebeuteten Deutschland sauwohl.

  • Der Rekordkanzler hat Europa entworfen und jetzt stimme ich ihm zu, dass seine Vision verdreht wird. Die Zukunft sieht anders aus wie vor 20 Jahren.

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