Ampelkoalition
Wenn Frank und Renate träumen

Koalitionsspiele finden in Berlin derzeit vor allem bei Buchvorstellungen statt. Noch vor wenigen Wochen präsentierte SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier die Biografie des FDP-Chefs Westerwelle und nährte damit Spekulationen über eine Ampelkoalition. Nun wirbt er für Grünen-Chefin Renate Künast und ihr Buch "Träume sind mir nicht genug".

BERLIN. Manchmal hilft ein Vergleich, um die Vorzüge eines Menschen zu erkennen. Frank-Walter Steinmeier steht im großen Saal der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Die Frühlingssonne scheint in die Runde der etwa 50 Journalisten, die der Präsentation des Buches von Renate Künast lauschen. Da sagt Laudator Steinmeier: „Ich stelle das Buch gerne vor, weil nichts dagegen spricht.“

Sieben Wochen zuvor hatte der SPD-Spitzenkandidat gemeinsam mit FDP-Chef Guido Westerwelle den Saal der Bundespressekonferenz betreten, um die Biografie des Liberalen vorzustellen. Mehr als 100 Journalisten warteten damals auf eine Koalitionsaussage zugunsten der FDP. Auf Nachfrage begründete Steinmeier seinen Auftritt mit den Worten: „Die Gründe, die dagegen sprachen, reichten nicht aus.“

Im Wahlkampf entscheiden oft Nuancen. Mit seinem westfälischen Understatement will Steinmeier nach der Bundestagswahl ins Kanzleramt einziehen, mit Hilfe der Grünen und FDP. Was die Buchvorstellungen angeht – da steht die Ampelkoalition bereits.

Aber Politik ist komplizierter, als es Buchvorstellungen sind. Da sitzen sei nun, Steinmeier und Künast, die Spitzenkandidaten von SPD und Grünen. Früher trafen sich beide jeden Mittwoch am Kabinettstisch. Jetzt rechnen sie Machtoptionen durch.

Keiner der beiden glaubt, dass es bei der Bundestagswahl für eine Neuauflage von Rot-Grün reichen wird. Und doch, Steinmeier schiebt das Buch schnell beiseite und erinnert an die Koalition. Der Atomausstieg, die Homo-Ehe, das Staatsbürgerschaftsrecht, die Sozialreformen: All das habe Deutschland modern gemacht. Und krisenfest, wovon das Land jetzt profitiere. Das Hohelied auf Rot-Grün hatte er schon in seinem Buch angestimmt – präsentiert vom Chef der Grünen, Cem Özdemir.

Die rot-grüne Fortsetzung aber bräuchte die Linken, was die SPD wegen Oskar Lafontaine nicht erträgt. Oder eben die FDP, was Steinmeier sich wünscht, die Grünen aber noch quält. Künast weiß das spätestens seit einer Woche: Da lehnte sich die Parteibasis in ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen gegen die Ampelpläne auf. „Grün pur“ forderten sie auf ihrem Parteitag für den Wahlkampf. Sie wollen im Herbst nicht als Anhängsel einer sozial-liberalen Koalition enden.

Steinmeier wirbt unverhohlen weiter: „Die grüne Partei hat es ihren Führungsleuten nie ganz leicht gemacht“, sagt er – wohl wissend, dass die Grünen am Ende immer zugestimmt haben. Künast zupft verlegen an ihrer Halskette. Er sagt „Renate“, sie „Frank“. Den Walter hat sie schon früher immer weggelassen.

Buchvorstellungen taugen nicht als Koalitionsvereinbarung, hat Steinmeier kürzlich gesagt. Er habe aber auch nichts dagegen, „wenn über mögliche Konstellationen spekuliert wird“. Die Distanz zur FDP jedenfalls sei „etwas größer als zu den Grünen“. Allerdings bewege sich Westerwelle auf die SPD zu. Künast sagt, Rot-Grün sei der „erstrebenswerte Zustand“.

Vielleicht heißt Steinmeiers Buch deshalb: „Mein Deutschland“ – und das von Künast: „Träume sind mir nicht genug“.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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