Analyse
Aus dem Nebel an die Macht

Nach ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin muss Angela Merkel ihren eigenen Stil finden. Nichts unterscheidet sie damit von ihren Vorgängern, die auch erst im Amte wurden, was sie in der öffentlichen Wahrnehmung heute sind.

BERLIN. Genau eine Minute nach zwölf empfängt Angela Merkel aus der Hand von Bundespräsident Horst Köhler ihre Ernennungsurkunde. Sie lächelt, als sie sich bedankt. Es ist das Lächeln, das man im Sommer so oft an ihr sah, nach der NRW-Wahl, auf den Tag genau vor einem halben Jahr, als alle Welt glaubte, zwischen ihr und dem Kanzleramt lägen nur noch ein paar Wochen. Seither ist einiges passiert, nicht zuletzt eine Bundestagswahl, bei der die CDU dramatisch verloren hat. Doch siehe: Sie ist Kanzlerin. Seit diesem Dienstag, eine Minute nach zwölf. Sie hat es geschafft.

Man hat sich an eine Hand voll Merkel-Deutungen gewöhnt in Deutschland: Die Physikerin, die kalte Technikerin der Macht ist eine davon. Eine andere ist die Sphinx aus dem Osten, vor fünfzehn Jahren erst aufgetaucht aus dem Nebel der so andersartigen DDR. Man hat von Angela erzählt, der Frau ohne Freunde, von feindseligen und egomanen Männern umstellt. Oder die gleiche Geschichte aus umgekehrtem Blickwinkel: Machiavelli-Merkel lässt mit eisenhartem Machtwillen die machohaften Konkurrenten ins Messer ihrer eigenen Eitelkeit rennen.


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Keine dieser Deutungen ist mit dem heutigen Tag vollkommen falsch geworden. Aber sie haben einen anderen Sinn bekommen. Bis gestern war Angela Merkels Politik auf Machterwerb gerichtet. Ab heute geht es um die Ausübung der Macht. Angela Merkel regiert.

War bisher von der Machtphysikerin Merkel die Rede, dann meistens im abwertenden Sinn: Kalt sei sie, ohne politische Leidenschaft, ohne Sinn für Dramatik und Effekt. Gerhard Schröders Husarencharme, Helmut Kohls massige Ruhe, Helmut Schmidts schneidige Effizienz – wer als Kanzler Erfolg haben wolle, müsse den Leuten etwas bieten, was sie über das tagespolitisch Machbare hinaus bei der Stange hält.

Und Merkel? „Sie muss ihre eigene Linie finden“, sagt einer ihrer Vertrauten. „Auf jeden Fall wird nicht ihr Weg sein, es wie Schröder über die Fernsehwirkung zu versuchen.“ Aber man könne ruhig sein: Noch jeder Kanzler sei erst im Amt geworden, was er ist. In einem halben Jahr werde man sehen, ob all die älteren Damen, die Schröder statt Merkel gewählt haben, sich eine Frau im Kanzleramt immer noch nicht vorstellen können. Dann werde sich auch der Ruf nach einer kritischen Wahlanalyse weitgehend erledigt haben.

Dass die Welt eine völlig neue Angela Merkel entdeckt, damit rechnet freilich keiner: Politik ist für sie die Aufgabe, das Nötige und das Mögliche zur Deckung zu bringen – und unter dieser Prämisse wird sie auch die Bundesregierung führen. Deshalb hat sie sich auch so geärgert über die prinzipienreitende Kritik der Wirtschaft am Koalitionsvertrag: Jeder habe doch sehen können, wie schwierig ihre Aufgabe gewesen sei und wie respektabel sie sie doch gelöst habe. „Ein kleines bisschen Ehrfurcht“ fordert sie.

Eins weiß man bei der Union ganz sicher: „Was wir vor allem vermeiden müssen, sind handwerkliche Fehler.“ Die Leute erinnerten sich noch gut an die rot-grüne Anfangszeit 1998/99, als das Wort „Nachbesserungsbedarf“ zum Unwort wurde. Wenn man hier ein überzeugendes Kontrastprogramm biete, dann würden die Leute schon den Wert eines naturwissenschaftlich geprägten Politikstils zu schätzen lernen. Und vielleicht sogar ein kleines bisschen Ehrfurcht empfinden angesichts der vielen Notwendigkeiten und der geringen Möglichkeiten.

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