Analyse
Der deutsche Konsument kennt keine Krise

Das Phänomen wirkt rätselhaft: Die Konjunktur stürzt ab, die Industrie verliert rasant an Aufträgen, und ein Ende der Talfahrt ist zumindest bisher nicht in Sicht. Doch was machen die als "Angstsparer" berüchtigten Deutschen? Sie konsumieren fleißig, und der Arbeitsmarkt hält sich robuster als gedacht. Wie ist das zu erklären?

BERLIN. Das Rätsel hat mehrere Lösungen auf einem Spektrum von A wie Abwrackprämie bis Z wie Zuversicht. Eine ganz entscheidende Lösung: Nur ein Bruchteil der Bürger in Deutschland - grob ein Drittel - bezieht ihr verfügbares Einkommen aus mehr oder minder konjunktursensiblen Bereichen. Für etwa 45 Millionen von insgesamt gut 70 Millionen Deutschen über 15 Jahren hingegen gilt einstweilen, zugespitzt gesagt: "Krise? Welche Krise?"

So manche mögen zwar mit der Höhe ihres Einkommens unzufrieden sein. Doch besteht für sie zumindest kein akutes Risiko, dass ihre Bezüge - ob Lohn oder Sozialtransfers - plötzlich wegbrechen. Das unterscheidet sie von Arbeitnehmern in der Industrie, die sich in der Krise tatsächlich akute Sorgen um Lohn und Arbeitsplatz machen müssen.

Auf der sicheren Seite sind insofern in jedem Fall rund 18 Millionen Rentner. Ihnen steht zum 1. Juli sogar eine, gemessen an früheren Jahren, überdurchschnittliche Rentenerhöhung ins Haus - das Plus wird diesmal voraussichtlich klar mehr als zwei Prozent ausmachen.

Damit werden die Rentner zumindest keinen Anlass haben, ihren Konsum einzuschränken. Dass die Rente plötzlich ausfällt, steht für sie jedenfalls nicht zu befürchten. Ähnliches gilt für Pensionäre, für Sozialhilfeempfänger und, so paradox es klingt, auch für Bezieher von Arbeitslosengeld I und II. Die Logik dabei: Wer bereits vor der Krise staatliche Leistungen bekam, muss sich zwar finanziell zumeist stark einschränken. Der Konjunktureinbruch birgt aber einstweilen nicht die Gefahr eines zusätzlichen Einkommensverlusts.

Etwas weniger klar ist das Bild bei Studenten und bei Familienangehörigen, die selbst nicht erwerbstätig sind. Wer etwa Bafög bezieht, muss ebenfalls keine direkte Einschränkung befürchten. Wer nur einen Minijob hat, kann diesen in der Krise zwar verlieren. Aber so bitter dies im Einzelfall auch sein mag, gesamtwirtschaftlich bricht hier im Zweifel nicht allzu viel Konsumnachfrage weg. Und für alle anderen dieser Gruppe hängt die Lage vom Einkommensrisiko des Hauptverdieners im jeweiligen Haushalt ab.

Dieses Risiko - die Gefahr den Arbeitsplatz zu verlieren - hat sich indes durch die Krise selbst für große Gruppen von Arbeitnehmern bisher nicht nennenswert erhöht. Unter den insgesamt 40 Millionen Erwerbstätigen gilt dies allein schon für mindestens 4,5 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Bis zu zwei Millionen Arbeitnehmer und Beamte der Bundesländer können als Folge des jüngsten Verdi-Tarifabschlusses für 2009 sogar mit fast vier Prozent Gehaltsplus kalkulieren; und betriebsbedingte Kündigungen sind für sie ohnehin kein Thema.

Überdurchschnittlich krisenfest sind auch die Arbeitsplätze bei privaten Versorgern, die öffentliche Aufträge ausführen - etwa private Müllabfuhren. Die lange Zeit hart gebeutelte Baubranche ist zwar nicht prinzipiell auf einmal krisenfest, hier dämmen aber vorerst milliardenschwere Staatsaufträge die Risiken erheblich ein. Derweil bleibt die Ernährungsindustrie auch ohne staatliche Konjunkturhilfe von dramatischen Absatzeinbrüchen verschont - oder profitiert zum Teil sogar, wenn in der Krise der Appetit auf Süßigkeiten steigt. Und am Ende der Kette wirkt sich alles zusammen auch für den Einzelhandel und seine 2,7 Millionen Beschäftigten stützend aus.

Die große Gefahr für Konsum und Arbeitsplätze bleibt freilich, dass die Krise tiefer und vor allem deutlich länger wird als bisher befürchtet. Denn je mehr Jobs in der Industrie nach und nach wegfallen, desto direkter steuern Staatshaushalt und Sozialkassen auf eine echte Schieflage zu. Muss die öffentliche Hand dann womöglich schon vor dem Ende der Krise durch harte Ausgabenkürzungen gegensteuern, wäre es plötzlich auch für Millionen vermeintlich geschützte Konsumenten mit der Sicherheit vorbei.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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