Analyse des Wählerverhaltens
Warum gemäßigte Bürger oft extremere Parteien wählen

Nicht viele hatten mit diesem Ergebnis gerechnet: Während CDU und CSU bei der Bundestagswahl 2005 entgegen aller Prognosen schlecht abschnitten, legten FDP und Linke (WASG und PDS) deutlich zu. Kann es bei der nächsten Wahl wieder zu solchen Überraschungen kommen? Der Politikwissenschaftler Michael Herrmann versucht die Stimmenverluste der großen Parteien zu erklären.

DÜSSELDORF. Kann es bei der Bundestagswahl 2009 wieder solche Überraschungen wie 2005 geben - als CDU und CSU gegen alle Prognosen schlecht abschnitten, während FDP und Linke (WASG und PDS) deutlich zulegten? Es erscheint gut möglich, wenn man eine Analyse zur damaligen Wahl durchmustert.

2005 sahen Beobachter aus allen Lagern die nicht vorhergesagten Ergebnisse als Beleg dafür, dass die Wähler mündiger und unberechenbarer geworden seien. Michael Herrmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) hält diese Erklärung nicht für befriedigend. In einem Beitrag für die "Politische Vierteljahresschrift" argumentiert er, dass das 2005er Ergebnis auf Wähler zurückgeht, "die eigentlich die Wahlkampfpositionen der großen Parteien unterstützten, ihnen aber eine konsequente Umsetzung dieser Politik nicht abnahmen". Entsprechend heißt sein Aufsatz: "Moderat bevorzugt, extrem gewählt".

Politologen nutzen mehrere, sich zum Teil ergänzende Modelle, um das Wählerverhalten zu erklären. Das Einfachste ist das der politischen Nähe: Gewählt wird die Partei, die den eigenen Vorstellungen am ehesten entspricht. Dies kann, so ein weiteres Modell, von taktischen Motiven überlagert sein - also etwa der gezielten Vergabe der Zweitstimme, um eine bestimmte Koalition zu ermöglichen. In der Regel kommt das taktische Wahlverhalten den großen Parteien zugute: Es erklärt, "warum die kleineren Parteien mehr Anhänger haben als Wähler und die Zahl der echten Anhänger von CDU und SPD deutlich kleiner ist als die Zahl ihrer Wähler", so Herrmann.

Das "discounting model" geht noch weiter. Der Erklärungsansatz des Amerikaners Bernard Grofman von der University of California von 1985 besagt, dass Parteien nicht nur nach ihrem Politikangebot bewertet werden, sondern auch danach, was sie tatsächlich umsetzen könnten. Die Positionen der Parteien werden also mit Blick auf künftige Konstellationen und deren inhaltliche Konsequenzen "abdiskontiert": Gewählt wird dann die Partei, deren künftiger Status quo der eigenen Position am nächsten liegt. Damit könne man, so Herrmann, erklären, "warum selbst gemäßigte Wähler in Antizipation legislativer Kompromisse Parteien wählen, die extremere Standpunkte vertreten als sie selbst".

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