Analyse eines Townhall-Meetings
Bürgersprechstunde mit Frau Dr. Merkel

Natürlich, ein Opelaner. Steffen Nier, ein stämmiger 39jähriger im grauen Kurzarmhemd, darf die erste Frage stellen. Natürlich will er wissen, wie es bei Opel weitergeht. "Das Treuhandkonzept unseres Wirtschaftsministers ist ja ein bisschen in die Hose gegangen", sagt er in breitem Hessisch.
  • 0

BERLIN. Die Kanzlerin rät "Nerven zu behalten", spricht von der "entscheidenden Phase", in die Opel jetzt komme. Und fügt dann hinzu: "An ihrer Stelle, wenn ich jeden Tag in die Zeitung sehen würde, würde ich auch Angst kriegen."

Merkel also trifft das Volk, Sonntagabend in der RTL-Sendung "Zuschauer fragen - Bundeskanzlerin Merkel antwortet". In Treppchen in L-Form sitzen Kinderarzt, Hartz-IV-Empfängerin, Hauptschuldirektor, Umweltschützerin und die Mutter einer im Amoklauf von Winnenden getöteten Tochter Merkel schräg gegenüber. Die Kanzlerin, in rosa Blazer, hält die Hände gefaltet, die Beine übereinander geschlagen.

Auch Menschen auf der Straße durften Fragen und wurden von der Fußgängerzone eingespielt oder kamen über Internet. Gefunden hat RTL die etwa 100 Zuschauer in den Datenbanken seiner Talkshows oder einfach so auf der Straße.

Und was will das Volk wissen?

Warum soviel Geld für die Banken da ist und so wenig fürs Soziale. Warum Manager Milliarden in den Sand setzen und trotzdem Boni kriegen. Ein Kinderarzt aus einem Kölner Problemviertel sorgt sich um die wirtschaftliche Basis für Arztpraxen. Merkel erklärt das Bad-Bank-Modell und kontert Kritik an der Abwrackprämie. Ob sie Peer Steinbrück als Finanzminister behalten würde, sollte es im September für Schwarzgelb reichen, wird sie gefragt. (Merkel: "da wäre er selbst nicht happy").

Das klassische amerikanische Townhall-Meeting kennt keine Regeln. Das von RTL schon. Etwa 15 Fragen waren vorbereitet, abgesprochen mit Merkel waren sie aber nicht. In Deutschland wurde zum ersten Mal 2002 eine solche Bürgersprechstunde zwischen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und seinem Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) ausprobiert. Ob es in diesem Wahlkampf Duelle im Format von Bürgerfragen geben wird, ist offen.

Merkel nutzte die Chance, die ihr die Sendung bot. Sie zeigte, dass sie jenseits des "Raumschiffs Kanzleramt" die Sorgen der Menschen kennt und versteht. Sie spricht von ihren Rouladen, "die von meinen Gästen sehr gelobt werden", räumt ein, privat krankenversichert zu sein, und erzählt vom Bergwandern, das den Kopf frei mache.

In ihren Antworten verrät sie inhaltlich nicht viel, aber sie zeigt, wie sie tickt. Oft wird Merkel vorgeworfen, sich im Kleinklein zu verlieren, keine großen Linien aufzuzeigen. Im Gespräch mit den Menschen entpuppt sich genau das als Stärke.

Merkel nimmt sich die Freiheit, auch mal nachzufragen, gibt sogar Tipps. "Die einzige Möglichkeit, Geld wieder zu kommen, ist vor Gericht zu gehen", sagt sie Barbara Baumann, einer Berlinerin, die bei der Lehman-Pleite ihr Erspartes verloren hat.

Ein Arbeitsloser, Dennis Schubert, hat keinen Beruf gelernt, sucht aber einen. Was er gern machen wolle, fragt die Kanzlerin. "Irgendwas mit Gartenlandschaftsbau." Merkel verzieht den Mund. "Technisch nichts? Oder im Pflegebereich?" "Ne", sagt Schubert, "Das ist nicht so mein Ding". Merkel rät zum weiteren Nachdenken. "Auf ne gut verdienende Frau allein kann man auch nicht hoffen."

Kommentare zu " Analyse eines Townhall-Meetings: Bürgersprechstunde mit Frau Dr. Merkel"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%