Analyse von Michael Wolffsohn
Warum uns Gewalt fasziniert

Der Anschlag in Köln, die Terrormiliz IS, der Krieg in Syrien: Überall eskaliert Gewalt. Sie ist erfolgreich, weil die Gewaltanwender eine politische Strategie haben – im Gegensatz zu ihren friedlichen Gegnern.
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„Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet“. Das war der Titel von Jan Philipp Reemtsmas Abschiedsvorlesung am Hamburger Institut für Sozialforschung („Mittelweg 36“, Heft 4/2015). Ausgerechnet er, ein physisch und seelisch gezeichnetes Opfer einer gewaltsamen Entführung, bringt die menschliche Größe und intellektuelle Kraft auf, das Phänomen Gewalt unterkühlt und sachlich zu zerlegen.

Seine Analyse konzentriert sich vor allem auf den innergesellschaftlichen Aspekt und die Situation derjenigen, die Gewalt anzieht. Reemtsmas Text sei wärmstens empfohlen, kurz zusammengefasst – und um den außenpolitischen Aspekt erweitert. Besonders anziehend an der innergesellschaftlichen Gewaltanwendung, so schreibt Reemtsma, sei die „Selbstermächtigung zum großen `Du darfst´“. Es ist „die Abkehr von vorher gültigen Verboten, hin zu unerhörten Lizenzen.“ Kleiner Mann, ganz groß. Nie wäre er so groß ohne Gewalt. Nie würde ihn die große Mehrheit, die viel erfolgreicher ist als er, so fürchten. Nie wäre er so mächtig; als realer Mensch und in der Vorstellung potentieller Opfer. Er hat Macht, den „Körper eines anderen zerstören zu dürfen.“

Was für eine Verführung. Das jüngste, einheimisch-deutsche Beispiel dafür ist der Messerstecher und Beinahe-Mörder der neuen Oberbürgermeisterin Kölns.

Was für eine Verführung: Terrorgruppen richten und richten hin. „Der IS bietet Mord (...), die Leute kommen aus aller Herren Länder, um mit tun oder doch wenigstens zusehen zu dürfen, wie ohne all dies ewige Bedenken geköpft, gekreuzigt, verbrannt werden darf und sogar soll. (....) Und dann verleiht diese Gemeinschaft das cäsarische Privileg, Herr über Leben und Tod zu sein.“ Diese Deckung von Mord und Tod durch das Gewaltmilieu sei der Grundwiderspruch „zur bürgerlichen Not-Tugend, der Kompromissbereitschaft“. So klar erkannt und benannt haben es wenige vor Reemtsma.

Leider wird das dunkle innergesellschaftliche Bild in der internationalen Politik nicht erhellt. Man könnte hoffen, dass auch der Islamische Staat (IS) inzwischen so weit überzogen hätte, dass - wie im Zweiten Weltkrieg - eine Zusammenarbeit der Widersacher zustande käme. Damals kämpften die westlichen Demokratien gemeinsam mit dem skrupellosen Diktator Stalin gegen den anderen Massenmörder, Hitler. Der war weltpolitisch die größere Gefahr. Nach dem Sieg über Deutschland zerfiel die Anti-Hitler-Koalition. Dem gemeinsamen Heißen Krieg folgte der gegeneinander geführte Kalte Krieg. So könnte, so müsste auch gegen den IS gehandelt werden. Einstweilen aber lohnt sich die IS-Gewalt.

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Der Appetit kommt beim Essen

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  • Wenn wir von Gewaltstaaten reden, dann führen die <usa die <hitliste ganz klar an!!
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    Nach 1945 habe sie in Ihren Kriegen mindestens 45 Millionen Menschen umgebracht…von den zahllosen Krüppel und zerstörten Ländern ganz zu schweigen.
    http://www.initiative.cc/Artikel/2010_02_13_kriege_usa.htm

  • Russland selbst, das im wesentlichen hinsichtlich seiner Größe auf das Maß des Schmachfriedens von Brest-Litowsk am Ende des Ersten Weltkrieges geschrumpft ist und hinsichtlich Demographie etc. ähnliche Probleme aufweist wie unser eigenes Land, weist in den südlichen Regionen eine offene Flanke in Bezug auf die dort lebenden Sunniten bzw. sunnitische Eiferer, die fleißig aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten unterstützt werden und durch regelmäßige Terrorakte von sich reden machen, auf.
    Insofern verbinden uns in Bezug auf die örtliche Nähe zum Sunnitischen Machtstreben und zur sunnitischen Intoleranz – einhergehend mit Terroranschlägen und Auswüchsen wie El Kaida, ISIS usw. – nicht nur die örtliche Nähe zu den Konfliktherden –sondern auch die gleichen Interessen, nämlich diesen Auswüchsen entgegen zu wirken. Aus politischer Dummheit oder political correctness wird dies jedoch leider nicht erkannt.
    Ferner darf selbstverständlich darauf hingewiesen werden, dass Russland als Mittelmacht – dass es sich um keine Supermacht mehr handelt und der einzige „Joker“ in militärischer Hinsicht im Vergleich zum Westen und China das Kernwaffenarsenal darstellt ist mit Sicherheit auch dem Kreml bekannt, der in der Levante im übrigen ausschließlich seine letzten Einflusszonen/Stützpunkte am Mittelmeer zu sichern sucht.

    Hinsichtlich der strategischen Analyse überlasse ich es nun Ihnen – oder auch jedem Anderen – zu Urteilen wer denn, wenn es nicht Russland oder der Schiitische Iran ist, die Rolle des Aggressor und „agent provocateur“ im Nahen Osten spielt.

  • „Ebenfalls bislang erfolgreich ist Putins Mischung aus Gewaltandrohung und -Anwendung: Man denke an Tschetschenien, Georgien, die Krim, Ost-Ukraine, Syrien. Der Appetit kommt beim Essen, besonders, wenn man gewaltwillige Partner findet. Den hat Putin mit dem Iran. Der rettet gemeinsam mit der libanesisch-schiitischen Hisbollah-Miliz den syrischen Massenmörder-Diktator Assad und schließt einen Kreis um die Verbündeten des Westens: Israel, Saudi-Arabien und die Golfstaaten.“

    In diesem Punkt muss ich sie leider korrigieren. Sie, Herr Wolffsson reden über den Iran und seine Verbündeten wie von einer Großmacht. Der Iran sieht sich durchaus als Regionalmacht – und als Schutzmacht der „Schiat-Ali“, die im Iran die Mehrheitsbevölkerung stellt und welche von den Sunniten seit nunmehr 1300 Jahren als Ketzer geächtet, verfolgt und getötet wird. Nun verhält es sich – nur um die Verhältnismäßigkeiten aufzuzeigen – so, dass ca. 85 % der Moslems dem Sunnitischen Glaubenszweig zugehören – u.a. die von ihnen zitierten „eingekreisten“ Saudi-Arabien sowie die Golfstaaten. Wenn es also der Iran mitsamt den verbündeten Schiiten im Libanon (Hisbollah), der Huthi-Miliz im Jemen und der alawitischen Minderheit in Syrien - der auch Präsident Assad angehört, vermag große Teile der Sunnitischen Welt einzukreisen, dann allen Respekt . Allerdings fehlen hierfür meines Erachtens sowohl die personellen als auch die materiellen Ressourcen.
    Wenn wir dem Iran machtpolitische Ambitionen attestieren wollen – und das sollten wir – bleibt als realistische Option nur, dass es Ziel ist die Schiat Ali zu stärken. Die strategisch offensichtlichste Option hierzu ist die Unterstützung der Schiiten sowie anderer Minderheiten (z.B. Alawiten) um ein durchgehendes Einflussgebiet vom Westen Afghanistans bis zur levantinischen Küste (Syrien/Libanon) zu sichern und sunnitischen Einfluss aus den Golfstaaten, vor allen Dingen des wahabitischen Saudi-Arabiens abzuwehren.

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