Angela Merkel
Aus dem Bild gestolpert

Große Koalitionsdämmerung: Edmund Stoiber schmeißt hin, Franz Müntefering macht schlapp. Angela Merkel steht wieder ziemlich allein auf der politischen Bühne.

BERLIN. Nun können sie heute doch noch friedlich gen Rom pilgern. Der Stoiber Edmund zusammen mit dem Huber Erwin und dem Beckstein Günther, die sich in den vergangenen Wochen noch im unheiligen Zorn in einer Art Erbfolgekrieg um den noch gar nicht freien Chefsessel in der bayerischen Staatskanzlei gebalgt hatten. Sie alle haben heute den Harmonie-Termin in der Ewigen Stadt. Miteinander. Beim Heiligen Vater. Pace.

Dabei sah es am Montag noch so aus, als müsse das bayerische Trio im heillosen Zwist zur päpstlichen Audienz wallfahren. Doch der große Vorsitzende Stoiber hat Frieden gestiftet, zumindest auf bayerischer Erde, und das in letzter Minute vor dem Trip zu Papst Benedikt XVI. Er gibt das Zepter nicht aus der Hand. Huber und Beckstein müssen schauen, wo sie bleiben.

So stand der ehrwürdige Drei-Tage-Termin im Vatikan unfreiwillig Pate bei dieser überhasteten Flucht aus dem ungeliebten Preußen. Dass der Beinahe-Ministerpräsident a.D. Stoiber diese allein aus Sorge um den eingeknickten „Eckpfeiler“ der großen Koalition, SPD-Chef Franz Müntefering, startete, ist eine Schelmengeschichte. Um nicht zu sagen: die Notlüge eines politisch in die Ungewissheit Entlassenen. Eines Gestolperten.

Denn am Montagmittag, Stunden vor dem fatalen Ergebnis der SPD-Präsidiumssitzung, hatte die CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel längst die Kunde über den möglichen Ausreißer des CSU-Chefs ereilt. Der, wie die Presse bereits in antizipierender Krawallstimmung spottete, „Oskar Lafontaine der großen Koalition“ hatte früher als erwartet seine „zentrale Rolle“ (Stoiber über Stoiber) in der Koalition für Deutschland abgegeben. Und so kam es, dass der Kanzlerkandidat der Union a.D. – schneller noch als Oskar Lafontaine 1999 – gar noch vor der Vereidigung das Handtuch warf. Es klingt wie bitterer Hohn: Andrea Nahles hat Stoiber aus der Bundespolitik verjagt.

Sehen so Koalitionäre des Aufschwungs aus?

Das Wahlvolk ist Zeuge eines einmaligen Vorgangs: Noch bevor die Unterhändler der neuen Regierung die harten Finanzbrocken anpacken, beschädigen die Volksparteien irreparabel zentrale Figuren, die doch angetreten waren, Deutschland aus dem Elend herauszuführen. In Berlin herrscht große Koalitionsdämmerung.

Zwar versicherte gestern die designierte Kanzlerin Angela Merkel treuherzig, die Verhandlungen gingen weiter. Doch welche Verhandlungen sind das schon für die künftige Kanzlerin, die mit drei Herren – Stoiber, Müntefering, Schröder – auf gepackten Koffern verbindliche Abmachungen treffen soll? Im Ansehen der Bürger haben die Selbstbeschäftigungen wie -beschädigungen von SPD und Union am Halloween-Montag eher das Fürchten gelehrt und der Reputation des deutschen Führungspersonals weitere Einbußen beschert. Sehen so Koalitionäre des Aufschwungs aus? Oder sind es doch Fahnenflüchtige aus der Verantwortung fürs große Ganze? Angela Merkel jedenfalls steht nun ziemlich allein im Gruppenbild.

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