Angela Merkel
Die erpressbare Euro-Kanzlerin

Die Zeiten sind schlecht für Merkel. In der Euro-Krise läuft die Kanzlerin Gefahr, ihre Führungsrolle zu verspielen, wenn sie auf ihren Euro-Positionen beharrt. Eine Chance hat sie nur, wenn sie auf ihre Kritiker zugeht.
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BerlinAngela Merkel steckt in der Zwickmühle: Im selben Tempo, wie sich die Euro-Krise zuspitzt, nimmt auch der Druck auf die Bundeskanzlerin zu, ihren Kurs der Krisenbewältigung zu korrigieren. Dass Merkel von der Opposition in die Zange genommen wird, ist nicht ungewöhnlich. Nur paaren sich die Forderungen von SPD und Grünen mit denen einiger anderer EU-Partner, darunter Frankreichs Präsident  Francois Hollande. Das ist bitter für die Kanzlerin. Denn sie muss sich eingestehen, dass sich der Wind in Europa gedreht hat.

Das einstige europäische Führungsduo aus Merkel und Nicolas Sarkozy ist Geschichte. Mit Hollandes Wahlsieg Anfang Mai ist klar, die Achse Berlin-Paris muss neu justiert werden. Merkel tut sich damit aber sichtlich schwer, wie der informelle EU-Sondergipfel gezeigt hat.

Die Kanzlerin wirkt angesichts der Umstände mehr und mehr wie eine Getriebene, aber nicht mehr wie eine Führende. Dazu kommt: Deutschland ist von den Krisenländern erpressbar. Experten der Schweizer Großbank Credit Suisse haben berechnet, dass sich das potenzielle direkte und indirekte finanzielle Engagement Deutschlands bei der Euro-Rettung auf insgesamt 600 Milliarden Euro summiert - Geld, das im Extremfall bei einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone und einem Zerfall der Währungsunion auf dem Spiel steht.

Die zweigleisige Argumentation lautet so: Einerseits profitiert die deutsche Wirtschaft stark von der Währungsunion. Andererseits hat Deutschland bereits extrem viel Geld in die Euro-Rettung gesteckt oder zugesagt. Das schwächt die Verhandlungsposition von Merkel dramatisch.

Diese Woche lief auch nicht wirklich rund für sie, sondern befeuerte noch die schwierige Lage, in der sie sich befindet. Das ist auch innenpolitisch begründet.

Das NRW-Wahldebakel, der Rausschmiss ihres Umweltministers Norbert Röttgen, der dann folgende Absturz der CDU in Umfragen und die heute folgende Bundestagsdebatte über die Frage, wie regierungsfähig die schwarz-gelbe Koalition eigentlich noch ist, dürften ihr schwer zugesetzt haben – auch wenn sie sich das nie anmerken lassen würde.

Auch in der Euro-Frage wird die Luft immer dünner für Merkel. Die kritischen Stimmen mehren sich. Selbst wenn manche Einschätzungen über die derzeitige Euro-Rettungspolitik abwegig erscheinen mögen, sind sie doch in der Lage, Meinungen zu beeinflussen und so zu drehen, dass es schwer wird für Merkel, sich noch ausreichend Gehör für die eigene Politik zu verschaffen.

Sicher, ein Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin wird mit seinem Buch „Europa braucht den Euro nicht“ der Kanzlerin kaum etwas anhaben können. Seine Thesen sprechen allerdings vielen Menschen aus dem Herzen und schüren Anti-Europa-Ressentiments. Das ist nicht gut für das europäische Projekt, das ist aber auch nicht gut für Merkel, die irgendwann wieder Wahlen gewinnen will.

Kommentare zu " Angela Merkel: Die erpressbare Euro-Kanzlerin"

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  • Die Kanzlerin sollte das Haus schleunigst verlassen. Und zwar weil Sie das sehr gut beobachtet haben. Es wäre noch anzumerken, dass man das Dach auf Treibsand gebaut hat, zumal eigentlich klar war, was die EU-Spitzen so treiben, nachdem der Stabilitäts- und Wachstumspakt ausgehebelt worden ist.
    Da ging sozusagen ein Erdbeben durch den Treibsand. Und da weiß jeder Architekt was dann passiert. Das Projekt verschwindet unwiederbringlich in der Versenkung.

  • Merkel steckt deshalb in der Zwickmühle, weil sie glaubt oder zu glauben vorgibt, daß eine Währungsunion nun doch die richtige Strategie für eine politische Union sei und das man nur etwas sparen müsse, um die jetzige Schieflage unter Kontrolle zu halten. Die hier und anderswo wiederholte These, die Währungsunion sei gut für die deutsche Wirtschaft, insbesondere für den Export, ist genau so ein Blödsinn wie die neuerliche Behauptung Sarrazins, die Währungsunion sei eine Strafe für den Holocaust. Die Währungsunion war und ist ein gigantischer Fehlgriff von stupiden Dilettanten, Euromantikern, wie der ehemalige Wirtschaftsminister Karl Schiller sie noch kurz vor seinem Tode milde genannt hat, die nie auch nur ein leises Gefühl für Verantwortung gespürt haben und je schneller dieser Währungscirkus beendet wird, umso billiger kommen wir da raus.

  • margrit117888,

    für Dummköpfe ist es völlig egal, ob sie schlafen oder wach sind; außer,der heilige Geist war da.

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