Angela Merkel – Europa-Politikerin des Jahres 2015
Flucht nach vorne

Die Kanzlerin ist vom Time Magazine zur Person des Jahres gekürt worden. Das Handelsblatt befragt Wirtschaftsgrößen nach ihrer Meinung über Angela Merkel. Evonik-Chef Klaus Engel antwortet mit einem persönlichen Porträt.
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Angela Merkel ist die Europapolitikerin des Jahres. Eigentlich müsste es heißen: des Jahrzehnts. Denn kein Politiker in Europa hat der Europäischen Union so stark den Stempel aufgedrückt wie die Bundeskanzlerin, die 2015 ihr zehnjähriges Jubiläum im Kanzleramt beging.

Ein Amt, das dieser bemerkenswerten Frau offenbar von Anfang an zu eng war. Heute stellt sich im Rückblick heraus, dass die „mächtigste Frau der Welt“ („Forbes“) dem nationalen Horizont längst entwachsen ist. Sie regiert ganz Europa in einer Selbstverständlichkeit, wie es nur eine Politikerin tun kann, die in ihrer Persönlichkeit so unaufgeregt, nüchtern und frei von eitler Machtdemonstration ist wie die Bundeskanzlerin. Das unterscheidet sie wohltuend von vielen ihrer männlichen Kollegen und führte in ihren ersten Kanzlerjahren dazu, dass sie häufig unterschätzt wurde – mit dem bekannten Ergebnis.

Als sie ihren inzwischen berühmt gewordenen Satz zur Flüchtlingsfrage sagte, „Wir schaffen das“, legte sich die Bundeskanzlerin auf einen höchst umstrittenen Kurs fest und verteidigt ihn bis heute gegen immer stärkere Anfeindungen. Merkel nimmt in Kauf, was sie zehn Jahre zu vermeiden wusste: eine Position zu beziehen, die nicht unbedingt der Stimmungslage in der Bevölkerung und nicht den Umfragewerten folgt, sondern eher dem eigenen Gewissen. Dieser geradezu lutherische Mut zur eigenen Meinung hat alle überrascht. Die Frau, die sonst angeblich Land und Leute einschläfert, um in Ruhe regieren zu können, hat sich über Nacht in die Mitte der Arena gestellt und kämpft seither für ihre Überzeugung. Während sich das Publikum erstaunt die Augen reibt, müssen die meisten Kommentatoren ihre Leitartikel zur zehnjährigen Kanzlerschaft von Grund auf umschreiben.

Angela Merkel hat mit ihrer Entscheidung der Grenzöffnung nicht nur Deutschland ein menschliches Antlitz verliehen, sondern ganz Europa ein schreckliches Drama vor seinen Toren erspart. Sie sagte: „Europa muss seiner Verantwortung gerecht werden“, und schulterte diese Verantwortung für ganz Europa gleich mit. Hätte sie ihrem mutigen Auftritt dann noch einen Plan hinzugefügt, an dem sich alle abarbeiten können – sie hätte sich und uns viel Ärger erspart.

Die Kategorie von Deutschland als Nation kommt im Weltbild der Bundeskanzlerin offenbar immer seltener vor. Das ist auch der eigentliche Grund für die Irritation in der eigenen Anhängerschaft und für das Unverständnis vieler unserer Nachbarn, die über Merkels Akt der Selbstermächtigung verärgert sind, weil sie sich in ihren eigenen nationalen Interessen übergangen beziehungsweise in die Ecke gedrängt fühlen.

Persönlichkeiten des Jahres 2015:
Mensch, was für ein Jahr!

Wer wurde 2015 wichtig? Wer ist abgestürzt? Wer hat uns überrascht, enttäuscht oder gerührt? Eine Jury hat für das Handelsblatt die Menschen des Jahres gekürt – und die Redaktion hat prominente Autoren gebeten, die Preisträger zu würdigen. Überraschungen inklusive – etwa wenn Deutschlands führender Fernbus-Unternehmer über Bahnchef Rüdiger Grube schreibt.

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Die Bundeskanzlerin hat mit ihrer Politik nicht nur eine menschliche Seite offenbart, sondern sich als europäischster Regierungschef des Kontinents entpuppt. Sie denkt den europäischen Einigungsprozess am radikalsten zu Ende. Statt den Weg zur Politischen Union über die Brüsseler Institutionen zu gehen, schafft sie im Alleingang Fakten, hinter die Europa nicht mehr zurückfallen kann. Sie will nationale Egoismen überwinden und hat stattdessen das große Ganze im Blick. Sie weiß, dass Europa das einzige politische und kulturelle Forum ist, in dem sich solche jedes einzelne Land überfordernden Herausforderungen wie Flüchtlingsbewegungen, Finanzkrise, Klimawandel, Terrorismus und Steueroasen bewältigen lassen.

Sie weiß, dass dem alten Kontinent der Bedeutungsverlust im Konzert der Weltmächte droht, wenn er seine Krisen nicht gemeinsam bewältigt. Die USA wenden sich schon längst der kommenden großen Auseinandersetzung mit dem neuen Rivalen China zu und überantworten Europa die Trümmer der gescheiterten US-Politik im Nahen Osten. Russland neigt in diesem Großkonflikt zu China, und Präsident Wladimir Putin lässt auf den Krisenschauplätzen der Welt keine Chance verstreichen, den Keil der Spaltung in Europa ein Stück weiter hineinzutreiben. Dies alles muss die Kanzlerin im Kopf haben, wenn sie für Europa Politik macht.

Doch ihr Krisenmanagement wird nicht nur in der Flüchtlingspolitik immer öfter als rücksichtslos empfunden. Auch in der Finanzkrise, die plötzlich aus der öffentlichen Diskussion verschwunden zu sein scheint, hat die deutsche Bundesregierung mit ihrem geradezu obsessiven Insistieren auf orthodoxer Sparpolitik viele europäische Partnerländer vor den Kopf gestoßen. Angela Merkel hat aufgrund des ökonomischen Gewichts Deutschlands und ihrer – auch hier wieder – informellen Verhandlungsmacht im Europäischen Rat die deutschen Vorstellungen zur Bewältigung der Schuldenkrise gegen heftige Widerstände durchgesetzt und die Krisenländer zu einschneidenden Reformen genötigt. Dabei hat sie sich allerdings den drastischen Folgen dieser sozial einseitigen Sparpolitik nicht gestellt. Bis heute verweigert sie ernsthafte Verhandlungen über die Umstrukturierung von Griechenlands Schulden, obwohl jeder (einschließlich des IWF) weiß, dass kein Weg daran vorbeiführen wird.

Cover der „Time“: Das Magazin hat Angela Merkel zur „Person of the Year“ gekürt. (Quelle: Time Magazine)

Es ist schon richtig, Angela Merkel handelt aus der Not heraus, weil sich sonst niemand findet, der die chronische europäische Handlungsunfähigkeit überwindet. Deshalb müssen die EU-Staaten eigentlich froh sein, dass wenigstens Merkel sich kümmert. Die Tragik ihrer Kanzlerschaft aber liegt darin, dass sie im Kampf für die Vereinigten Staaten von Europa immer wieder auch selbst die Axt an die europäische Einheit legt. Sie führt Krisen beharrlich einer Lösung zu, doch ihre Rigorosität wird zunehmend als Rechthaberei empfunden. Deutsche Dominanz darf jedoch nicht als Bedrohung empfunden werden. Der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt hatte recht, als er 2011 davor warnte: „Wenn wir Deutschen uns verführen ließen, gestützt auf unsere ökonomische Stärke eine politische Führungsrolle in Europa zu beanspruchen oder doch wenigstens den Primus inter Pares zu spielen, so würde eine zunehmende Mehrheit unserer Nachbarn sich wirksam dagegen wehren. Die Besorgnis der Peripherie vor einem allzu starken Zentrum Europas würde ganz schnell zurückkehren. Die wahrscheinlichen Konsequenzen solcher Entwicklung wären für die EU verkrüppelnd. Und Deutschland würde in Isolierung fallen.“

Erreicht also Angela Merkel mit ihrer Leidenschaft womöglich das Gegenteil?

Nein, so ist das nicht.

Aber wenn es ihr gelänge, die engere Kooperation Europas voranzutreiben und gleichzeitig in den Institutionen Europas dafür zu sorgen, dass in absehbarer Zeit eine deutsche Führungsrolle strukturell wieder verzichtbar wird – dann wäre sie tatsächlich die Europäerin des Jahrzehnts.

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Kommentare zu " Angela Merkel – Europa-Politikerin des Jahres 2015: Flucht nach vorne"

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  • Zitat Hellmutt Bimbes: " Adolf Hitler"

    Hitler hat 1938 die Auszeichnung als weltweit einflussreichste Persönlichkeit eines Jahres genauso verdient wie z.B.

    1930 Ghandi
    1947 Mashall
    1953 Adenauer
    1962 Johannes XIII
    1963 King
    https://de.wikipedia.org/wiki/Person_of_the_Year

    Bei unserer aktuellen Bundeskanzlerin ist die Ernennung unter anderem damit begründet, dass sie "Kanzlerin der freien Welt" ist. Dafür muss man sich nicht schämen. Darauf kann man als Deutscher stolz sein.

    Hitler als der Vertreter Nazi-Deutschlands hat sich die Auszeichnung mit der Vorbereitung eines Angriffskrieges, mit Judenverfolgung, Annexion anderer Länder und den ganzen anderen Schweinereien verdient, die von 1933 bis 1938 von den Nazis ausgegangen sind, für die man sich heute als Deutscher noch schämen muss. Unter anderem dafür hat sich Willy Brandt (auch ein Preisträger) 1970 in Warschau vor das Mahnmal des Ghetto-Aufstandes gekniet. Auf den Kniefall kann man nun als Deutscher ebenfalls wieder stolz sein.

    Erkennen Sie den Unterschied oder wollen Sie ihn nicht erkennen?

  • @Herr Marcel Europaeer

    ...- stolz sein zu dürfen, eine deutschen Pass zu haben -.... Zitat.

    Herr Europaeer, wenn Sie die Kommentare in der Vergangenheit hier im Handelsblatt aufmerksam gelesen, verstanden und geistig verarbeitet hätten, dann wüssten Sie heute, dass es mit dem deutschen Pass oder auch mit Doppelpässen alleine nicht getan ist.

    Wenn Sie irgendwelche Fragen, zwecks Passvergabe haben, fragen Sie Außenminister a.D. Fischer, er kann Ihnen erschöpfend Auskunft geben.

  • Genau 1938 vorab für noch kommende Leistungen.

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