Angela Merkel im Bundestag Die Welten-Retterin

Mit dem Haushalt hält sich Angela Merkel in der Generaldebatte nur kurz auf. Die Kanzlerin sorgt sich um Größeres: Die globale Stabilität und die Werte des Westens. Ein Kommentar.
30 Kommentare

„Meinungsbildung erfolgt heute anders“ als noch vor dem Mauerfall

BerlinAls Angela Merkel am Montagabend ihre vierte Kanzlerkandidatur verkündete, verwahrte sie sich gegen überzogene Erwartungen. Die Darstellung, sie sei die letzte Vertreterin der freien, liberalen westlichen Welt, sei doch „grotesk und absurd“, sagte die Kanzlerin. Bei der Generaldebatte zum Haushalt 2017 im Bundestag allerdings präsentierte sich Merkel ganz in dieser Rolle. Mit den Budgetzahlen hielt sie sich nicht lange auf. Der Kanzlerin holte zum Rundumschlag aus.

Die Verteidigung der liberalen Werte, das war ihr roter Faden. Ihre Rede begann sie mit einem Zitat des peruanischen Schriftstellers Mario Varga Llosa, der Liberalität definierte: „Die Bereitschaft, mit denen zusammenzuleben, die anders sind, war vielleicht der außergewöhnlichste Schritt auf dem Weg des Menschen zur Zivilisation.“ Diese Aussage habe sie „berührt“, gestand die Kanzlerin.

Merkel sieht diese liberale Bereitschaft bedroht, weltweit aber auch in Deutschland. „Populismus und politische Extreme nehmen in den westlichen Ländern zu“, warnte die Kanzlerin. In ihrer Rede ging es von einem Krisenherd zum nächsten. Sie sprach von „alarmierenden Ereignissen in der Türkei“ mit der „Verhaftung von tausenden und abertausenden von Menschen“. Sie geißelte den anhaltenden Krieg in Syrien. Es gebe Indizien, dass Krankenhäuser gezielt bombardiert würden. „Es ist sehr bedauerlich, dass Russland dieses Regime unterstützt.“ Und all diese Probleme treffen den Westen in einer Zeit eigener Umbrüche. Die Wahl von Trump in den USA oder den Austritt Großbritanniens aus der EU. Viele Menschen machten sich dieser Tage „Sorge um die Stabilität.“

Die Frage sei nun, wie man auf diese Probleme reagiere. Ziehe man sich zurück und schotte sich ab, oder aber versuche man die eigenen Werte in die Welt zu tragen? Merkel plädiert für das Zweite. Und damit ist sie dann doch dicht bei der Aufgabe, die ihr vergangene Woche US-Präsident Barack Obama schon indirekt zudachte: die Verteidigerin des freien Westens.

„Eiserne Lady“ ohne Vision
Ausdauer
1 von 7

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten – wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Man muss wohl Nerven aus Stahl haben, um Kanzleramt und Parteivorsitz zu meistern. US-Präsident Barack Obama sagt, Merkel sei „hart“, „tough“ und „zäh“.

Geduld
2 von 7

Merkel kann zuhören – und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. Reißt ihr aber die Hutschnur, ist Feierabend. Wie bei der Entscheidung für Sanktionen gegen Russland wegen des Ukraine- Konflikts oder der Entlassung von Norbert Röttgen (rechts) aus ihrem Kabinett.

Ideologiefrei
3 von 7

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in Grenzen – auch nicht in denen ihrer Partei. Das führt zu Konflikten mit der Schwesterpartei CSU und auch mit der CDU-Basis.

Uneitel
4 von 7

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden. Sie ist unprätentiös und gilt als unbestechlich. Geld interessiert sie nicht so sehr. Sie verdiene genug, hat sie einmal gesagt. Auf etwa 300 000 Euro wird das Jahresgehalt geschätzt, das die Regierungschefin für ihre Verantwortung für rund 80 Millionen Menschen bekommt. Ein Bruchteil der Summen von Firmenbossen mit einigen Tausend Beschäftigten. Ihr Lohn sei die Macht, soll Merkel einmal gesagt haben. Die Macht, dass es am Ende so gemacht wird, wie sie es will.

Kein Redetalent
5 von 7

Merkel kann ein Publikum nur selten mitreißen. Öffentlich formuliert sie oft umständlich und wenig pointiert. Im kleinen Kreis ist sie dagegen humorvoll und selbstironisch.

Keine Nachwuchsförderung
6 von 7

Dass die CDU in den vergangenen Jahren nie einen anderen Namen als Merkel für den Parteivorsitz und die nächste Kanzlerkandidatur genannt hat, zeigt auch, wie wenig sich Merkel um die Förderung von Talenten bemüht hat. Konkurrenten hat sie oft kalt gestellt.

Keine Visionen
7 von 7

Kritiker beklagen, Merkel habe keine eigenen Ziele, sondern sammele Ideen anderer und suche dann die Mehrheitsmeinung. In der Flüchtlingskrise bewies sie exakt das Gegenteil.

Deutschland mit der Errungenschaft der sozialen Marktwirtschaft könne dafür eintreten, die Globalisierung zu gestalten. Das gelte auch für die Umbrüche, die auf die deutsche Wirtschaft zukämen durch die Digitalisierung. Merkels Bestandsaufnahme fällt nach mehr als einem Jahrzehnt Kanzlerschaft natürlich gut aus. „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick“, sagte sie. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne und Renten steigen. Doch wie lange setzt sich diese Entwicklung noch fort?

Durch die Digitalisierung käme vieles auf den Prüfstand, man habe aber die Chance, die Spitzenposition zu verteidigen. Voraussetzung ist aus Merkels Sicht aber die richtige Herangehensweise. Ihre Botschaft lautet: Man muss der Globalisierung und dem Wandel offen begegnen. „Offenheit wird uns mehr Sicherheit bringen als Abschottung“, sagte Merkel. Es klingt wie das Gegenteil von Donald Trump.

Startseite

Mehr zu: Angela Merkel im Bundestag - Die Welten-Retterin

30 Kommentare zu "Angela Merkel im Bundestag: Die Welten-Retterin"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Herr Leo Löwenstein - 23.11.2016, 16:15 Uhr
    Muss mich korrigieren, das vor ein paar Wochen war am Ostbahnhof. Auch so um die 30 bereichernde Jugendliche. Wäre interessant, obs die gleichen waren.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Das wird Hammerhart.

    Am besten 2 Wochen vorher Glotze aus Zeitungen ignorieren.

    Am Wahltag die 2 Kreuze machen.

    Und dann am nächsten Morgen wieder das jammern der Eliten bestaunen

  • Dazu passt auch die Abrechnung des Schweizer-Weltwoche Chefs Köppel mit der deutschen Medienlandschaft, allen voran mit dem SPIEGEL:

    http://meedia.de/2016/11/22/am-schlimmsten-ist-der-spiegel-weltwoche-chef-koeppel-rechnet-mit-deutscher-trump-berichterstattung-ab/

  • @ Jürgen

    Genau, das ist das richtige Wort dafür, was uns ab Anfang 2017 bevorsteht:

    INFORMATIONSPROPAGANDAKRIEG

    Und dass sind die üblichen Verdächtigen die diese Kampagnen fahren werden:
    BILD, WELT (Springer), SPIEGEL/spon, ZEIT, FOCUS, stern, FAZ und Süddeutsche um die Größten zu nennen,

  • Sehr geehrte HB-Redaktion,
    ich lasse hier oft meinen Senf ab und schreibe mir den Frust von der Seele, mit der Hoffnung, dass der ein oder andere darüber wenigstens mal nachdenkt.
    Deshalb möchte ich mich hiermit aber trotzdem in aller Form bei Ihnen bedanken, dass Sie eine „FREIE Meinungsäußerung“ überhaupt noch zulassen und kritische oder nicht systemkonforme Kommentare nicht einfach zensieren oder komplett löschen.
    Was sachlich und unsachlich ist, darüber lässt sich natürlich trefflich streiten. Trotzdem danke ich Ihnen auf diesem Weg für ihre weiterhin offene Kommentarfunktion, welche andere Medien komplett schliessen oder erst gar nicht anbieten, weil ihnen die Meinung der Poster nicht ins eigene Ideologiekonzept passt.
    Herzlichen Dank dafür an Euch und auch an Sie Herr Steingart, danke!!!

  • evtl. klappts jetzt mit einem "sachlichen" Beitrag:

    mit den "Werten", die von der Kanzlerin vertreten werden, ist kein Staat zu machen.......

  • Andere Meinungen die von der Elite nicht gewünscht sind werden als Fake News Postfaktisch Populistisch Rechtspopulistisch nur um eine Auswahl zu nennen tituliert werden.

    Der Wahlkampf wird im besonderem Maße von einem Informationspropagandakrieg begleitet werden.

    Das sollte jeder wissen.

    Es ist wichtig sich selber eine eigene Meinung zu bilden. Dafür müssen viele Puzzleteile zusammengefügt werden um einigermaßen zu begreifen.

    Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte.

  • Es wird in 2017 vor der BTW genauso wie beim BREXIT und bei Trump laufen.
    Die Medien werden jede Woche neue „Erfolgsmeldungen“ über den steigenden Wählerzuspruch für den Kanzlerwahlverein verkünden, weil ihnen die Demoskopen die Zahlen liefern.
    Ich sag euch jetzt mal was, liebe Medienvertreter. Wenn mich ein Wahlforschungsinstitut auswählen würde, um zu erfragen, welche Partei ich im September 2017 wählen würde, ihr glaubt ja nicht im Ernst, dass ich denen die Wahrheit sagen würde?
    Ich würde wie jeder gute deutsche „bürgerliche“ Wahlberechtigte, natürlich wieder brav die CDU wählen - dass würde ich jedenfalls den Demoskopen verklickern. Dann am Wahlabend ab 18 Uhr, wenn die ersten Hochrechnungen über die Glotze flimmert, wäre das Entsetzen der Etablierten riesengroß, weil ja die Umfragen ein völlig anderes Wahlergebnis voraussagten. Ihr werdet es erleben, liebe Medienvertreter. Ihr hattet den BREXIT und den Trump-Sieg zu keinem Zeitpunkt auf eurem Schirm, geschweige denn, in euren Vorab-Medienkampagnen, die mal nur als einseitig und einflußnehmend bezeichnen kann. Nur so weiter, umso höher werden die Verluste bei den „etablierten Parteien“ ausfallen. Die meisten Leute, mit denen ich in meinem Umfeld spreche, wollen einen politischen Wechsel.

  • Nochmals liebes vermeintlich cleveres HBO-Team: Wieviel Geld zahlt Euch GEZ-Medium Angela dafür, dass Ihr jeden gegen sie selbst und ihre ebenso unfähigen Mannen gerichteten Kommentare sofort pflichtbewusst in Minutenschnelle löscht!? Ist das die neue Meinungsfreiheit in Bananistan? IHR TUT MIR IMMER NOCH LEID!!!

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%