Angela Merkel ist in Kiel nicht gestrauchelt - aber die CDU leidet, an der FDP: Die Verlierer-Sieger

Angela Merkel ist in Kiel nicht gestrauchelt - aber die CDU leidet, an der FDP
Die Verlierer-Sieger

Wolfgang Kubicki, der Liberale mit dem betont halbseidenen Flair, hatte den Ausgang der Wahl in Schleswig-Holstein längst erahnt. Immerhin hatte er dem Spitzenkandidaten der CDU in Kiel im gemeinsamen Endspurt ein Bein gestellt und als seinen "großen, dicken, peinlichen Verlobten" verhöhnt. Nur heidetrockene Spötter wollten in der ungalanten Beschimpfung damals noch die Ermunterung an den "peinlichen Verlobten" sehen, mit dem starken FDP-Mann ins Regierungsbett zu steigen. Denn: So paaren sich nur Verlierer.

BERLIN. Dabei waren die losen Worte des Möllemann-Verschnitts zwar ein gnaden- und rücksichtsloses Urteil über den CDU-Kollegen. Doch selbst Parteifreunde des dickfelligen Unionisten Carstensen plaudern, dass sie beim Wort Charisma eher an Automarken als an Peter Harry denken. Der Landwirt mit dem ewigen Lächeln im Vollbart war einfach das große Handicap für die Nord-CDU. Und für Parteichefin Angela Merkel.

Manche in der Partei bezeichnen Carstensen offen als tapsigen Küstenclown, mit dem alles zu machen sei - außer Wahlen gewinnen. Doch womöglich war es erst das liberale Abwatschen und das gleichzeitige Flirten des liberalen Graubarts Kubicki mit der "Heide", das an der Waterkant zu jenem "Florida-Ergebnis" führte, das anno 2000 George W. Bush und nun Heide Simonis den Kopf rettet: ein paar Stimmen Vorsprung.

Hätte die FDP-Combo ihr eigenes Ergebnis von vor vier Jahren nicht verspielt, wäre Carstensen gar nicht in die Schwulität geraten, sich so voreilig zum Verlierer-Sieger auszurufen. Wohl in Anerkennung des unsicheren Kantonisten in sich selbst hat Kubicki ihn aber nicht als "Leichtmatrosen" bezeichnet. Das hätte geographisch wie politisch besser gepasst. Aber die Spur zu CSU-Chef Edmund Stoiber wäre gelegt. Und dem erscheinen, wenn er des Nachts um Deutschland bangt, bekanntermaßen vor allem Leichtmatrosen wie Guido Westerwelle und Wolfgang Kubicki. Hat er nicht Recht behalten und die FDP die Wahl - erneut - versiebt?

Angela Merkel versagt sich öffentlich solche Schuldzuweisung. Noblesse oblige: Die CDU-Chefin muss sich Westerwelle warm halten: für die Zukunft, für NRW, für Deutschland, als potenziellen Koalitionspartner 2006. "Unter normalen Verhältnissen, ohne die SSW, hätte es gereicht", bügelt sie die Forderung nach Kritik an den liberalen Brüdern schlaff ab.

Nichtöffentlich prasselt von München über Stuttgart und Frankfurt bis nach Berlin saurer CDU-Regen auf die FDP: "Erst versauen die uns mit der Wackelei die Bundestagswahl 2002 und jetzt die Wahl in Kiel", schallt es aus den Staatskanzleien und dem Adenauer-Haus.

Tatsächlich aber ist die treffende Interpretation des Wahlergebnisses jetzt eine Angelegenheit, die zumindest für die CDU den entscheidenden Unterschied macht: Für die Kieler CDU ist der Gewinn der Landtagswahl nicht gleich bedeutend mit einem Sieg. Für Merkel aber ist der Gewinn schon der Sieg, ein Triumph gar, weil es nicht die erwartete Niederlage ist.

Kein Wunder, dass es aus der von Kritikern hart bedrängten CDU-Chefin sofort herausplatzt: "Sensationelles Ergebnis!" brüstet sie sich in der ARD. "Eine motivierende Signalwirkung für die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen!" schaut sie dann im Zweiten nach vorne.

In Wahrheit aber droht der CDU-Chefin weiter das bekannte, trostlose Ungefähr. Nicht nur wegen der wackelnden Leichtmatrosen vom FDP-Dampfer. Vor allem bei der Kanzlerkandidatur bewegt sich die Vorsitzende selbst noch auf schwankendem Boden. Denn das Spiel mit den Beliebtheitskurven der Parteichefin ist längst nicht zu Ende.

Zwar macht Stoiber pflichtgemäß ein "Menetekel für Rot-Grün" aus und spürt "einen gewaltigen Rückenwind für die Union" in der Nase. Aber Merkel erwähnt er erst im Nachsatz. Sein Generalsekretär Markus Söder will dem Kollegen der CDU, Volker Kauder, gar nicht zustimmen, dass der Unions-Kandidat "bis Ende 2005 feststehen" müsse. Alte Hakeleien: Aus dem Norden nichts Neues für die CDU?

Doch. "Wir haben in Schleswig-Holstein erlebt, wie die Themen Arbeitslosigkeit, fehlendes Wachstum, öffentliche Überschuldung, Reformstau gegen die Beliebtheit der Gegenkandidatin gestochen haben", schöpft ein Unionsstratege neue Zuversicht. Die Themen Wirtschaft und Arbeitsmarkt würden immer entscheidender werden: "Weil sie die Leute mehr beunruhigen, als ein zum Monument erstarrter Kanzler dies vergessen machen könnte."

Auch CDU-Chefin Merkel hat das erkannt: "Die Sachthemen müssen im Mittelpunkt stehen: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit der Arbeitslosen, Schulden und die innere Sicherheit."

Tatsächlich werden diese Themen bei der Wahl im 17-Millionen-Bundesstaat Nordrhein-Westfalen im Mai noch wichtiger sein als in Kiel. So ist es nicht nur Zweckoptimismus, wenn der CDU-Spitzenkandidat an Rhein und Ruhr, Jürgen Rüttgers, den Spieß umdreht: "Rot-Grün wird in Nordrhein-Westfalen verlieren wegen der Unbeliebtheit von Steinbrück." Will sagen: wegen seiner roten Zahlen.

Noch aber muss die Union wegen der eigenen knappen Niederlage im großen Gewinn weiter Nektar auch aus noch so kleinen Töpfen saugen. Beispielsweise aus der gestrigen Punktlandung eines Nachrichtenmagazins im publizistischen Nirgendwo. Aus der aus tiefer Überzeugung geronnenen Erwartung, die CDU werde in Kiel todsicher eine Bauchlandung hinlegen, läutete das Magazin schon "Merkels Abstiegskampf" ein.

Von solcher Endzeitstimmung aber bleibt die CDU-Vorsitzende verschont, auch wenn sie sich zuletzt eine "psychologisch nicht ganz einfache Zeit" diagnostiziert hat. Verschont auch von Wolfgang Kubicki. Denn, so ist zu hören, eine große Karriere halte die FDP für ihn in Berlin nicht bereit. Für Merkel heißt das: Zeit zum Aufatmen.

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