Angela Merkel staunte
Die Legende bebt

Helmut Kohl entzückt seine Fans bei der CDU-Gedenkfeier zum 17. Juni.

BERLIN. Das „Ex-“ hat Angela Merkel „hopp“ gehen lassen. „Der Bundeskanzler!“ – so bittet sie Ex-Kanzler Helmut Kohl auf die Bühne im Adenauer-Haus. Die Legende kommt prompt so kultig rüber wie der erste Akkord der Rolling Stones bei dem Konzert in Berlin. Sobald der Jubel wie feiner, kühlender Nieselregen auf das Schlachtross der Union niedergeht, merkt auch das Mädchen Angela, wie ungestillt die Sehnsucht nach Größe und Führung in der Partei ist. I can get no… No, no, no.

Zum Gedenken des 17. Juni hat die CDU bei ihrer Veranstaltung den Patriarchen am Montag aus der Zellophan-Hülle des Spendensünders gepellt, um ihm für eine Stunde den Mantel der Geschichte umzuhängen. Kaum aus dem Fundus, weht der. Die Ovationen kommen so stark, dass sich Kohl hinsetzen muss, um Merkel nicht vor die Tür wehen zu lassen.

Kohl gibt den Rap. Wie eine tibetanische Gebetsmühle lässt er sein Credo rotieren. Demütig raunt er vom „Tag der Dankbarkeit“, beschwörend klagt er die Werte „Freiheit“ und „Leistung“ ein. Tapfer wie ein Frontsoldat in garstiger Zeit postuliert er „Vaterlandsliebe“ als höchste Tugend – und referiert von der „Wirklichkeit des Lebens“. Im Osten heißt die, ja doch: „blühende Landschaften“.

Niemand in der Union kann diesen Mix aus Pathos und gnadenlosem Kämpfergeist so sentimental anrühren wie er. Unter seine rhetorischen Panzerketten geraten all jene „Sozen“ und „Linken“, die es trotz ihrer angeblichen Vaterlandslosigkeit in höchste Ämter gespült hat.

So spult er seine Rhetorik-Riffs im knallharten Sound ab. Die alten bösen Hits spielt er, stampft dabei alle in Grund und Boden: Johannes Rau wirft er vor, als Ministerpräsident die Sache der DDR betrieben zu haben, als er der Dokumentarstelle zum DDR-Unrecht in Salzgitter Geld streichen wollte; bei Joschka Fischer erinnert er an dessen steinerne Vergangenheit. Gerhard Schröder wird, mit pechschwarzem Teer begossen und dann mit Kohlschen Federn bestückt, aus der Festung der Einheitsdeutschen gejagt, die nie an der Vereinigung zweifelten. Stefan Heym und Bertolt Brecht verweist er als Überläufer zum Kommunismus aus den Staatsmauern der Kohlanständigkeit.

Gut gebräunt, wälzt sich der einst Verfemte derart zurück ins Zentrum der CDU-Seele. Kein Wolfgang Schäuble und kein Heiner Geißler verderben durch bloße Anwesenheit die Dienstreise des 73-Jährigen in die Annalen seiner Geschichte. Und Angela Merkel staunt. Doch kein bisschen versöhnlich endet das Potpourri seiner größten Erfolge – auch wenn er anderen die „Erinnerung des Herzens“ empfiehlt. Als Gestürzter ist ihm diese Satisfaktion ja selbst nicht widerfahren. Doch am Ende war es wie beim Auftritt der Rolling Stones: Seine Fans waren aus dem Häuschen.

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