Angriff auf Atatürk-Airport
Die blutige Terrorbilanz der Türkei

Mit einem koordinierten Angriff auf den Atatürk-Airport in Istanbul hat der Terror in der Türkei ein neues Ausmaß erreicht. Die Regierung behauptet, Sicherheitslücken habe es nicht gegeben. Aber stimmt das auch?
  • 9

Istanbul/MadridDie Kampfansage ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Die Türkei werde die Samthandschuhe ausziehen, kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan vor einem Vierteljahr an - und mit der „Eisenfaust auf die Köpfe der Terroristen“ einschlagen. Doch die Terroristen schlagen zurück - mit Bomben in türkischen Metropolen, die in immer schnellerem Takt detonieren. Die Gewalt beim Nato-Partner eskaliert in einem atemberaubendem Tempo. Mit dem Angriff eines Selbstmordkommandos auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul hat der Terror in der Türkei eine neue Dimension erreicht. Mindestens 41 Opfer und drei Attentäter sterben bei dem Angriff.

Dabei gab es unmittelbar vor dem Angriff ausnahmsweise mal gute Nachrichten aus der Türkei. Nach Monaten der Krise nähern sich Ankara und Moskau wieder an. Mit Israel söhnt sich die Türkei nach jahrelanger Eiszeit aus. Doch die Gewalt holte die Türken in der Nacht zu Mittwoch unerbittlich wieder ein.

Schon seit vergangenem Sommer weitet sich der Kurdenkonflikt im Südosten stetig zu einem neuen Bürgerkrieg aus. Für Türken und Ausländer in den Metropolen schien das weit weg, bis die Gewalt auch nach Istanbul und Ankara übergriff. Zugleich verschärfte die Türkei ihren Kurs gegenüber der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) - nachdem Erdogan lange vorgeworfen worden war, extremistische Gruppen wie den IS in Syrien mindestens durch aktives Wegschauen gefördert zu haben.

Die blutige Terrorbilanz nur aus Istanbul und Ankara seit vergangenem Herbst: Weit mehr 200 Tote, darunter auch zwölf deutsche Urlauber, die ein IS-Selbstmordattentäter im Januar in Istanbuls Altstadt mit in den Tod riss. Der Terrorangriff auf den Atatürk-Airport mit Dutzenden Opfern markiert den vierten schweren Anschlag in Istanbul seit Jahresbeginn – und den zweiten in dem für Muslime heiligen Fastenmonat Ramadan.

Erst vor drei Wochen detonierte eine Autobombe in der Altstadt, wozu sich die TAK bekannte, eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Diesmal richtet sich der Verdacht auf den IS: Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagt bei einem Besuch am Atatürk-Flughafen am frühen Mittwochmorgen, Hinweise deuteten darauf hin, dass die Terrormiliz für das Massaker verantwortlich sei.

Der Flughafen ist ein symbolträchtiges Ziel und wirtschaftlich von hoher Bedeutung für die Türkei, die sowieso schon schwer unter dem Einbruch der Touristenzahlen leidet - spätestens jetzt dürfte die Saison endgültig abgeschrieben sein. Der größte Flughafen des Landes fertigt in etwa so viele Passagiere ab wie Frankfurt/Main und wächst dabei viel schneller als die deutsche Konkurrenz. Der Airport trägt den stolzen Namen des Staatsgründers und ist Sinnbild für den wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei.

Erdogan bemüht sich seit Monaten darum, den Eindruck zu vermitteln, der Anti-Terror-Kampf der Türkei sei erfolgreich, wozu das jüngste Blutbad nicht so recht passen mag. Der übliche türkische Reflex nach schweren Anschlägen greift auch dieses Mal: Eine Nachrichtensperre wird verhängt. Nach dem Terrorangriff scheint für die Regierung die Devise zu gelten, schnellstmöglich zurück zur Normalität zu kehren - und sei es erstmal nur beim Flugbetrieb.

Seite 1:

Die blutige Terrorbilanz der Türkei

Seite 2:

Gab es eine Sicherheitslücke?

Kommentare zu " Angriff auf Atatürk-Airport: Die blutige Terrorbilanz der Türkei"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Erdogan hat in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass der IS immer stärker wurde! Das ist keine Feststellung von mir sondern das war journalistische Arbeit unter widrigen Umständen. Es wurde recherchiert in den Gebieten der Türkei die nahe der Syrischen Grenze liegt, Bis heute können diese IS-Idioten in die Türkei rein und wieder raus wie es ihnen passt. Wie kann das sein wenn man angeblich den Terror bekämpfen will?

    Gestern kam bei ARTE ein sehenswerter Bericht den man unbedingt in allen Medien wiederholen müsste. Titel: Türkei-Drehkreuz des Terrors?

    Erdogan hat persönlich gegen die Journalisten vom Hürriyet Strafanzeige wegen Geheimnisverrat gestellt! Diese Zeitung war die Einzige, die sich traute Filmmaterial und Bilder von Polizisten und Staatsanwälten zu veröffentlichen die zeigen wie ein Transport Richtung Syrien untersucht wurde. Angeblich sollen Hilfsgüter geliefert werden, es waren aber alles Kriegwaffen!
    Ein Staatsgeheimnis nennt man dann sowas! Übrigens alle Staatsanwälte und Polizisten sind hinter Gittern! Ein Oppositionspolitiker muss um sein Leben bangen weil er im Parlament anspricht was Erdogans Partei nicht hören will!
    Für Merkel scheint das alles i.O. zu sein und man hört keinen Ton zu diesen Vorfällen, nichts!

    Erdogan ist verantwortlich, dass sich die Lage in der Türkei immer mehr verschlechtert und das kann er nicht übertünchen mit seinen Anbiederungen an Russland und Israel.

    Es ist schlimm, dass unschuldige Menschen unter all diesem Terror leiden müssen, in der Türkei oder in einem anderen Land!

    Alles wegen der Religion!! Denn nichts anderes ist das und wir transportieren diese Leute noch hierher!

  • Dieser Erdogan ruiniert sein Land und mein Urlaubs Domizil, ich bin stinksauer auf den Typ. Erika zahlt auch noch Geld an dieses Regime, man versteht sich offenbar gut.

  • Mein tiefes Mitgefühl gilt der sä­ku­laren Türkei und bestimmt nicht Erdogan und seinem islamischen Clan.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%