Angriff auf Merkel
Steinmeier fordert Wahlkampf statt „Casting-Show“

Mit seinem "Deutschlandplan" versucht SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier, den Wahlkampf in Schwung zu bringen - bisher vergeblich. Denn Steinmeier fehlt der Gegner. Die Bundeskanzlerin entzieht sich der Debatte - und reagiert nicht auf seine zaghaften Angriffe.

BERLIN. Frank-Walter Steinmeier erlebt endlich den Moment, auf den er so viele Stunden und Tage wartete. Es ist zehn Uhr morgens, als er vor die Hauptstadtpresse tritt. Noch weiß er nicht, welche Nachricht ihn in wenigen Stunden ereilen wird. Jetzt will er erst einmal die Union ermahnen, doch endlich mit ihm zu streiten. „Bisher entzieht sich die andere Seite einer Debatte“, sagt er und kratzt sich am Auge. Fast schon beleidigt fügt er hinzu: „Das finde ich nicht in Ordnung.“

Vergangene Woche hatte Steinmeier vergeblich versucht, den Wahlkampf mit einer Rede und einer Sommerreise anzuheizen. Seinen „Deutschlandplan“ wollte er verkaufen. Gestern Nachmittag dann war es endlich so weit. Die Kanzlerin reagierte: „Mein Ton ist das nicht“, sagte Angela Merkel höchstpersönlich dem Fernsehsender RTL über Steinmeiers Äußerungen. Zu seinem Plan sagte sie: „Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, mit Jahreszahlen und Millionen zu sagen, so viel Arbeitsplätze können wir schaffen.“ Lieber verweist die Kanzlerin auf Gemeinsamkeiten der Großen Koalition. Das muss als Wahlkampf reichen – für heute.

Steinmeier aber genügt das nicht. „Die Menschen wollen keine Casting-Show“, sagte er. Er wolle keinen Wahlkampf mit anderen um bescheidene Ziele. Er wolle Vollbeschäftigung im Jahr 2020 und ärgere sich über diejenigen, die das Ziel als absurd abtäten. Über Bildung und Ausbildung will der SPD-Frontmann den Fachkräftemangel beheben, Zukunftsmärkte definieren und die Sozialsysteme wieder auf eine solide Basis stellen. „Ich habe das innere Selbstbewusstsein, dass das der richtige Weg ist“, sagte er.

Die Wähler sehen es bislang nicht so. Weder reicht es für die SPD zu einer Koalition mit den Grünen noch zu einem Dreierbündnis mit der FDP. „Ich kämpfe für eine starke SPD, die nach der Wahl eine Regierung führt“, sagte Steinmeier. Wie stark? „So stark wie möglich ist eine starke Formulierung.“ Kein konkretes Wahlziel also.

Zumindest hat Merkel nun endlich auf ihn reagiert, während er sich wieder auf seine Sommerreise durchs Land macht. Da passt es gut, dass Wahlmanager Karl-Josef Wasserhövel heute die Plakate präsentiert, die die Genossen aufstellen werden. Sie tragen Steinmeiers Konterfei und Aussagen zu Arbeit und Sozialem, dem Kernthema der SPD. Es sei mehr Text auf den Plakaten als bei der Union, heißt es. Das passe zum nachdenklichen Kandidaten. Mitte September, in der heißen Phase, folgt eine zweite Plakatwelle. Am 13. September dann kommt es zum TV-Duell der Kontrahenten.

Bis dahin will die SPD inhaltlich punkten, etwa mit einem Bildungskongress am 20. August. Der soll Christoph Matschie in Thüringen und Heiko Maas im Saarland noch einmal helfen, am 30. August die Union abzulösen. Auch wenn es nur mit der Linkspartei gelänge: Ein Sieg bei den Landtagswahlen gäbe Schwung. „Hand in Hand“, sagt Steinmeier den Genossen dieser Tage, „kämpfen wir um jede Stimme in diesem Land.“

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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