Anne Will
Merkel und der schlanke Fuß der FDP

Angela Merkel geht in die Offensive: Bei ihrem TV-Solo in Anne Wills Studio reagierte die Kanzlerin schlagfertig und umschiffte geschickt gestellte Populismusfallen – wie etwa die Konfrontation mit einer von der Opel-Krise betroffenen Familie. Nur einmal schaffte es Anne Will, die souveräne Kanzlerin ins Schwitzen zu bringen.

BERLIN. „Frau Bundeskanzlerin – sind Sie die Richtige für die Krise?“ Schon die erste Frage von Anne Will am Sonntagabend zielte auf das größte Problem, das Angela Merkel derzeit hat: Die Zweifel an ihrer Führungskraft werden ausgerechnet zu Beginn des Wahlkampfjahres immer lauter. Nicht nur der Koalitionspartner SPD hat sich auf die Regierungschefin eingeschossen. Auch in der Union wachsen Unwille und Unverständnis.

„Wofür steht eigentlich Angela Merkel?“ Auf diese Frage fällt in der ARD-Talkshow nicht nur zufällig ausgesuchten Passanten keine Antwort ein. Auch ein ganzer CDU-Ortsverein aus dem Schwarzwald konnte partout nicht sagen, wofür ihre CDU-Vorsitzende denn politisch steht.

Merkel zeigt sich unbeeindruckt. Die Vorwürfe der inhaltlichen Leere und des mangelnden Profils bereiten ihr „gar keine Bauchschmerzen“, erklärte sie knapp. In der Rückschau auf ihre Amtszeit werde „Leuten später schon etwas einfallen, keine Frage“. Doch ignorieren kann sie ihre Kritiker nicht, vor allem die innerhalb der Union. Die Arbeitslosigkeit wächst, täglich gehen Unternehmen in die Insolvenz, und die Unionsparteien CDU und CSU dümpeln in den Umfragen bei gemeinsamen 33 Prozent. Wo ist er, der Kanzlerbonus, fragen viele Konservative verstört.

Merkel will wieder in die Offensive, deshalb hatte sie gestern den Auftritt vor dem Millionenpublikum an den Bildschirmen gewählt. Schlagfertig reagiert sie auf die störenden Nachrichten vom Wochenende. „Natürlich lasse ich die Koalition nicht platzen“, bekräftigt Merkel. Das wäre „absurd, denn die Menschen erwarten, dass die Regierung ihre Arbeit tut“. Den Vorwurf, sie verfolge eine „Teflon-Strategie“ und lasse alles von sich abtropfen, lässt sie nicht gelten. Jeder habe seine Art zurückzuschlagen, wenn das erforderlich sei, meint die Kanzlerin. Bei ihr könne das auch durch Schweigen geschehen – ihre Gegner sagen „eisiges Schweigen“.

In die geschickt ausgelegte Populismusfalle tappt sie nicht. Einer ganzen Familie von Opel-Beschäftigten gegenüber bleibt sie in der Sendung standhaft. „Es hat keinen Sinn, wenn das endet wie bei Holzmann“, sagt sie und spielt damit auf die Pleite des Baukonzerns an, dem der damalige Kanzler und Amtsvorgänger Gerhard Schröder vergeblich Staatsgeld hinterherwarf. Mit „unhaltbaren Versprechen ist niemandem geholfen“. Auch in Sachen Hypo Real Estate bleibt Merkel bei ihrer Position, dass es bei der angeschlagenen Bank erstens praktisch nichts mehr von Wert zu enteignen gebe und sich zweitens die FDP mit ihrer allfälligen und „absurden“ Kritik „nur einen schlanken Fuß“ mache.

Beim Thema Managergehälter und Banker-Boni allerdings wählt die CDU-Chefin den populären Weg. Boni-Forderungen erfolgloser Banker findet sie „unpassend“, Klaus Zumwinkels 20-Millionen-Rente „unverständlich“. „Das Irre an den Boni ist, dass es sie eigentlich nur für Erfolg gibt, aber jetzt gibt es sie auch für Misserfolg“, fasst Merkel das Thema zusammen.

Nur einmal gerät die ansonsten schlagfertige Kanzlerin ins Schwitzen – beim Thema Papstkritik. Ja, sie habe als „deutsches Staatsoberhaupt“ auf die Vorgänge reagieren müssen, sagt Merkel. Staatsoberhaupt ist sie jedoch nicht, das ist der Bundespräsident. Sie bemerkt ihren Fehler sofort, verbessert sich, weiß aber, dass ihr Versprecher Wasser auf die Mühlen ihrer Gegner ist, die ihr mangelnde Führung und einen präsidialen Regierungsstil vorwerfen. In innerkirchliche Debatten habe sie sich nicht einmischen wollen, versichert Merkel, aber zum Thema Holocaust habe sie in der Debatte Klärung anmahnen müssen, als Kanzlerin und nicht als evangelische Frau aus Ostdeutschland.

Ein Wahlziel für die Union will Merkel nicht beziffern. Es soll für eine Koalition mit der FDP reichen, „das ist unser Ziel“. Wenn die SPD 35 Prozent anstrebe, gut und schön, „ich möchte drüber sein“.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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