Anne-Will-Talk
„Sie sprechen mit dem Kanzlerkandidaten!“

Ausgerechnet an dem für die SPD desaströsen Europawahlabend sitzt Frank-Walter Steinmeier bei "Anne Will" - er will eine Offensivrolle spielen, doch das Wahlergebnis wird plötzlich zur Kulisse für eine Rechtfertigungsdebatte, wie überzeugend er als SPD-Kanzlerkandidat eigentlich ist.

BERLIN. Die Hände hat Frank-Walter Steinmeier fest auf die Knie gepresst. Beide. Der Außenminister weiß, die kommende Stunde muss er bei "Anne Will" kämpfen. Gerade hat seine Partei eine verheerende Niederlage bei der Europawahl eingefahren. Die Kommentare über das Abschneiden der Sozialdemokraten hat der SPD-Vizekanzler schon den ganzen Abend hören müssen. Und dann bekommt er aus den Augenwinkeln im Studio auch noch mit, dass in den "Tagesthemen" offen die Frage gestellt wird, ob er denn wirklich der richtige SPD-Kanzlerkandidat sei. Das trifft auch härter gesottene Politiker. Steinmeier setzt zum Schutz sein leicht spöttisches Dauerlächel-Gesicht auf. Er ist jetzt auf Sendung.

Dabei hatte sich der Außenminister den Sonntagabend ganz anders vorgestellt. Ein passables Europawahlergebnis, dann als einziger Gast bei "Anne Will" in der Talkshow erklären, dass sich die SPD stärker um die Sorgen der Beschäftigten etwa bei Opel und Arcandor kümmert als die Union - so war der Ursprungsplan und alles hätte so schön sein können. Doch plötzlich muss Steinmeier, der frühere Mann hinter den rotgrünen Kulissen, den echten medialen "Frontmann" und den politischen Überlebenskünstler spielen.

Plötzlich geht es um ihn als Person - nur darum. Das mag ein Typus von Politiker nicht unbedingt, der mehr als einmal nüchtern gesagt hat: "Ich weiß, Wahlkampf muss sein in einer Demokratie." Aber jetzt ist Steinmeier Kanzlerkandidat. Jetzt soll er das Gesicht der SPD sein, die Aufholjagd auf die Union einleiten und den Vorsprung von Kanzlerin Angela Merkel in den Umfragen einholen. Kämpf endlich, "gib den Schröder", maulen Genossen schon seit geraumer Zeit.

Also sitzt Steinmeier im roten Sessel und gibt sich kampflustig - so weit er kann, denn eigentlich ist der Außenminister ein höflicher Mensch, der andere gerne ausreden lässt. "Es stimmt doch nicht", unterbricht er Anne Will jetzt mehrfach, als sie ihm vorhält, er werbe als "Frank-Walter Superman" für eine Staatsrettung angeschlagener Unternehmen. "Warum fragen Sie das nicht auch die Kanzlerin, die war an der Opel-Rettung doch auch beteiligt", fragt er zurück.

Doch schon ist Steinmeier in der Defensive. Denn tatsächlich hatten die SPD und auch er sich erst bemüht, den Eindruck zu erwecken, als ob keiner so sehr um die Rettung der Arbeitsplätze bei Opel zu kämpfen bereit sei. Aber nun schwingt das Pendel der öffentlichen Zustimmung zurück - die höchsten Umfragwerte bekommt ausgerechnet jener von Altkanzler Schröder als "Baron aus Bayern" titulierte Wirtschaftsminister. Unternehmen retten gilt nicht mehr als unbedingt chic. Also muss Steinmeier an diesem Abend den Eindruck zerstreuen, er wolle Staatsrettung um jeden Preis.

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