Anne Will zu Japan : Die Faszination des GAUs

Anne Will zu Japan
Die Faszination des GAUs

Scheinbar vergessen ist das Leiden der Japaner nach Erdbeben und Tsunami. Deutschland macht die drohende atomare Katastrophe stattdessen zur Wahlkampfdebatte. Eine TV-Kritik zur Talkshow Anne Will.
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Stellen Sie sich vor, Sodom und Gomorrha liegen in Deutschland. Ihr Haus wird von reißenden Fluten weggespült, die Stadt steht in Flammen, Familienangehörige und Freunde sind tot oder verschwunden. Was würden Sie denken, wenn die einzige Sorge der restlichen Welt zu sein scheint, ob die radioaktive Wolke eines durch die Katastrophe beschädigten Atomkraftwerkes möglicherweise den heimischen Garten erreichen könnte? Egoistisch? Unanständig? Oder doch ganz normal?

Eigentlich wollte "Anne Will" am Sonntag über das neue deutsche Tankstellen-Ärgernis E 10 debattieren. So wäre es wohl auch gekommen, hätte in Japan "nur" die Erde gebebt und ein Tsunami die Küstenorte weggeschwemmt. Tausende, vielleicht Zehntausende Tote, das ist schlimm. Aber nachdem die Naturgewalten die Erde im neuseeländischen Christchurch aufgerissen haben - immerhin eines der beliebtesten deutschen Fernreiseziele - gab es auch keinen Sondertalk zum Thema.

Es ist eben doch in erster Linie die Angst vor der eigenen atomaren Verseuchung, die die Menschen auf das Drama in Japan blicken lässt. Der fragile Meiler Fukushima sowie die unübersichtliche Lage in mindestens drei anderen Reaktoren schürt die alten Ängste, weckt die Erinnerungen an Tschernobyl - und das ausgerechnet wenige Tage vor wichtigen Landtagswahlen. Damit ist die Katastrophe in Japan jetzt vor allem eins: hochpolitisch.

"Katastrophe in Japan - der mögliche Super-GAU und die Folgen" - lautet der Titel der hastig umbesetzten Talkrunde. Pietätvoll immerhin, dass kein Abgesandter der Grünen die Runde ziert. Spätestens dann wäre die Sendung zu eine Wahlveranstaltung mit altbekannten Atomreden und Gegenreden verkommen, während Hunderte Leichen vor Japans Küsten schwimmen.

Dafür ist Umweltminister Norbert Röttgen da. Der ist zwar in der CDU, aber irgendwie auch grün. Man erinnert sich: In der Atompolitik forderte er eine geringere Laufzeitverlängerung, wurde aber zugunsten der Konzerne von der Kanzlerin ins Abseits geschoben. Erst jetzt darf er wieder ran, sozusagen als reines Gewissen der Regierung.

Nachdem die Runde dem japanischen Botschafter höflich das Mitgefühl ausgesprochen hat (Röttgen: "Ein Weltereignis traurigen Ausmaßes", Altbischof Wolfgang Huber: "Das Schicksal der Menschen dort muss uns wichtig sein"), und Anne Will eine Skype-Zuschaltung einer jungen Deutschen in Tokio zu ihrem Vater im Studio unfreiwillig komisch kommentiert, ("Das ist Ihre Tochter, nehme ich zumindest an"), geht es auch gleich um die eigentliche Sorge von Flensburg bis München: Welche Gefahren gehen von den Reaktoren aus und was bedeuten die Ereignisse für Deutschland? Zum Beispiel, wenn "der Wind schlecht steht", wie es die Moderatorin selbst formuliert?

Gut, dass Deutschland Ranga Yogeshwar hat, den Physiker mit den vielen Erklärsendungen in der ARD. Niemand kann den Unterschied zwischen japanischen "Siedewasserreaktoren" und "grafitmoderierten Reaktoren" nach Tschernobyl-Bauart anschaulicher nur mit einem Wasserglas in der Hand erläutern. Das wirkt irgendwie beruhigend, bietet gar die Hoffnung, dass am Ende doch alles gut ausgeht und die "gefahrlose Wiederansiedlung in Japan" (Yogeshwar) möglich ist.

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Kommentare zu " Anne Will zu Japan : Die Faszination des GAUs"

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  • Betroffenheit reicht nicht. Diesen Appell möchte ich an alle richten, die gern eine Gedenkminute an die andere reihen und es lieben, im Mitleid zu zerfließen. Betroffen ist jeder. Aber Mitleid hilft nur dem Außenstehenden, um selbst die Situation zu realisieren. Spenden, ist das Erste und für viele das Einzige, womit man helfen kann. Spenden werde ich auf jeden Fall und Mitleid habe ich auch.

    Für uns, die wir auch zur Zeit der Katastrophe ein geregeltes Leben haben, ist die Zeit natürlich richtig, um die Diskussionen über den Umgang mit Kernkraft wieder anzustoßen. Das Gewinnstreben der AKW-Betreiber darf nicht der Maßstab bleiben.

    Die Konstrukteure haben, entgegen einiger Beiträge, keine Fehler gemacht. Die Konstruktionsvorgaben wurden ja von der Natur weit überschritten. Aber ob sich der Salzstock in Gorleben einmal an Konstruktionsvorgaben halten wird, wer kann das Wissen. Stromausfall, der letztendlich die notwendigen Pumpen ausfallen läßt, kann viel Gründe haben. Ein AKW läßt sich nicht abschalten wie ein Staubsauger.

    Flugzeugabsturz, Terroranschlag, ein Erdbeben (bei uns?), ein Meteorit? Alles unwahrscheinlich! Genau das aber hätten die japanischen Betreiber vor der Katastrophe auch noch behauptet.

  • Was passiert eigentlich mit den deutschen AKW, wenn durch unwetterartige Witerungsbedingungen (Schnee, Eis, Sturm, etc.) der Strom ausfällt? Strommaste sind doch schon einmal bei uns umgeknickt und dann halten die Batterien det Notversorgung der AKW nur 2-3 Stunden?

  • Verwechseln Sie doch bitte Anne Will nicht mit der Realität im Land. Überall ein überwältigendes Mitgefühl mit den Menschen in Japan, die nun mal tatsächlich nicht nur von Erdbeben und Tsunami betroffen sind, sondern auch von einer bevorstehenden nuklearen Katastrophe. Zehntausende von Menschen wurden evakuiert, ein weiterer Binnenflüchtlingsstrom und das angesichts einer in einigen Landesteilen komplett zerstörten Infrastruktur, absehbaren Engpässen in den Bereichen Energie, Lebensmittel, Wasser...
    Und wir verlogen ist dieser Kommentar bitteschön in Bezug auf die Frage "Sondersendung"?! Wer nimmt denn (auch in der Handelsblattredaktion) diejenigen weltweiten Beben und ihre Opfer wahr, die nicht in den hochindutrialisierten Ländern der ersten Welt leben? Wen interessieren denn heute noch die Folgen von Tschernobyl für Weißrussland, die Ukraine und Russland?

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