Anschub durch neues Recht erwartet
Deutschland erlebt Stiftungsboom

„Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande“, sagte einst der amerikanische Stahlbaron Andrew Carnegie, einer der Urväter der gut entwickelten Stiftungskultur in den USA. Diesem Leitspruch folgen auch in Deutschland mittlerweile immer mehr Männer – und zunehmend Frauen. Allein 2006 wurden 899 Stiftungen neu gegründet. Das geht aus dem Stiftungsreport 2007 hervor, den der Bundesverband Deutscher Stiftungen erstmals vorlegt und der dem Handelsblatt vorliegt. Wenn der Bund wie geplant im Sommer das Stiften vor allem steuerlich weiter erleichtert, könnte das in den nächsten 25 Jahren sogar zu einer Vervierfachung der derzeit rund 16 000 Stiftungen führen, erwartet der Generalsekretär des Verbandes, Hans Fleisch.

BERLIN. Danach sind rund die Hälfte der heute existierenden Stiftungen erst in den vergangenen zehn Jahren entstanden. Als eine Ursache des Stiftungsbooms gilt vor allem die Tatsache, dass zunehmend große Vermögen vererbt werden: Allein im laufenden Jahrzehnt etwa 1,4 Billionen Euro. Dazu kam die erste Liberalisierung des Stiftungsrechtes Anfang des Jahrzehnts.

Auffällig ist, dass Stifter ihr Geld zunehmend schon zu Lebzeiten einem guten Zweck widmen – und dass es immer mehr weibliche Stifter gibt. So wurde bis 1990 nicht einmal jede fünfte Stiftung von einer Frau gegründet, in der Zeit danach waren es fast 30 Prozent, heißt es in dem Report, der am Montag offiziell vorgestellt wird. Die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard rief eine Stiftung für junge Top-Wissenschaftlerinnen ins Leben, die diesen vor allem die Verbindung von Familie und Beruf erleichtern soll. Auch der Anteil der Stiftungen von Frauen und Männern – entweder Paare oder mehrere Bürger – ist deutlich gestiegen. Ein Beispiel bietet das erste Paar im Staat: Seit dem vergangenen Jahr widmet sich die „Eva Luise und Horst Köhler Stiftung“ Menschen mit seltenen chronischen Erkrankungen. Ein neuer Trend ist das gemeinschaftliche Spenden – etwa in Form einer Bürgerstiftung nach US-Vorbild.

Der Verband schätzt das gesamte Stiftungskapital auf 60 bis 80 Mrd. Euro. Das Fördervolumen, das sich aus Verzinsung des Kapitals, Spenden und Zuwendungen zusammensetzt, dürfte danach bei jährlich rund 15 Mrd. Euro liegen, heißt es beim Verband. Wie viel Geld genau gestiftet wird, ist unklar, weil es kein zentrales Register gibt und die Mitgliedschaft im Verband freiwillig ist.

Beim Stiftungszweck gibt es eine eindeutige Umorientierung: Weg vom Sozialen, hin zu Kultur und Wissenschaft. Aufsehenerregendes Beispiel war unlängst die 200-Mill.-Euro-Spende des Kaffee-Milliardärs Klaus Jacobs an die private University of Bremen. Im kulturellen Bereich greife bereits die angelsächsische Geber-Kultur auf Deutschland über: Das zeige das Beispiel der Stifter Hans Berggruen und Helmut Newton, die ihre Sammlungen Berlin vermachten. Soziale Ziele verfolgt heute nur noch jede vierte neue Stiftung – in den Fünfziger Jahren waren es noch fast 40 Prozent. Auch der Umweltschutz „hat sich einen festen Platz erobert. „Dringend nötig“ seien künftig mehr Stiftungen für Bildungszwecke, heißt es in dem Report.

Sehr unterschiedlich gut funktioniert nach einer Umfrage des Verbandes die Stiftungsaufsicht in den Bundesländern. Zu oft legten unqualifizierte Bürokraten spendierwilligen Stiftern Steine in den Weg. Angesichts der Verdopplung der Stiftungen sei auch das knappe Personal bei den zuständigen Ämtern kontraproduktiv. Doch sind Stifter dem nicht willkürlich ausgeliefert – sie können den Sitz ihrer Stiftung frei wählen. Die Umfrage ergab: Besonders einfach machen es den Stiftern die Beamten in Oberfranken und der Oberpfalz, in Gießen, Lüneburg und Detmold sowie im Saarland und dem Landkreis Pinneberg.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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