
DÜSSELDORF. Der Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum in Halle empfahl am Dienstag im Gespräch mit Handelsblatt.com, auch die Kindertagesstätten in diese Überlegungen miteinzubeziehen. Eine Verlängerung der Ferien sei „eine gute Möglichkeit, die Verbreitungswelle abzufangen“. Kekulé rechnet zum Ende der Schulferien mit einem rasanten Anstieg der an Schweinegrippe erkrankten Deutschen.
Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wo Kinder und Jugendliche ab Donnerstag wieder die Schulbank drücken müssen, sehen derzeit keinen Anlass, die Ferien wegen der Seuche zu verlängern. Auch in Sachsen soll der Unterricht am kommenden Montag wieder regulär starten. Einzig Nordrhein-Westfalen, wo der erste Schultag der 17. August ist, erwägt eine Verlängerung der Sommerferien. Die endgültige Entscheidung darüber soll am kommenden Dienstag getroffen werden.
Laut Kekulé seien vor allem Schulen und Kindertagesstätten die Drehpunkte einer Pandemie. Die Grippe verbreite sich unter Kindern schneller, weil sie die Hygienemaßnahmen nicht so stark einhalten wie Erwachsene. Durch ein ständiges Berühren des Gesichts mit den Händen können Erreger schneller zum Körper gelangen.
Am Anfang einer Pandemie mache eine Ferienverlängerung wenig Sinn. „In der sogenannten Zwischenphase, in der wir uns gerade befinden, ist die Ferienverlängerung aber durchaus eine naheliegende Maßnahme.“ Dies gelte aber nur dann, wenn die Zahl der eingeschleppten Fälle die Zahl der Ansteckungen vor Ort überwiege. Auf der Basis von simplen Berechnungsmodellen könne die Wirksamkeit einer solchen Maßnahme festgestellt werden.
Außerdem sollen sich die Bundesländer besser abstimmen, um starke regionale Unterschiede bei der Bekämpfung der Schweinegrippe zu vermeiden. Die Zahl der registrierten Schweinegrippefälle in Deutschland war über das Wochenende auf knapp 7 200 gestiegen. Zwischen Freitag und Montagnachmittag wurden 377 neue Fälle gemeldet, teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) am Dienstag auf seiner Internetseite mit. Demnach wurden bis Montag insgesamt 7 177 Erkrankungsfälle registriert. Die Steigerung fiel damit geringer aus als noch in den Tagen zuvor. Auch die neuen Fälle gingen nach Angaben des RKI weiterhin größtenteils auf Reiserückkehrer vor allem aus Spanien zurück. Besonders betroffen sind die Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Die Gesundheitsministerien der Länder sind sich durchaus der zunehmenden Ansteckungsgefahr der neuen Grippe bewusst. "Wegen der vielen Kontakte in Gemeinschaftseinrichtungen spielen gerade Kinder und Jugendliche für die Weiterverbreitung einer Virusgrippe eine bedeutende Rolle", erklärte die niedersächsische Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann, deren Land derzeit die höchste Krankenquote in Deutschland aufweist: Nach den jüngsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts vom Mittwoch kommt hier ein Erkrankter auf 6 523 Einwohner. Absolut liegt in Niedersachsen die Zahl der bestätigten Infizierungen bei 1306. Trotzdem setzt Ross-Luttmann vorerst auf Information und verstärkte Hygienemaßnahmen statt auf drastischere Maßnahmen wie etwa eine Verlängerung der Sommerferien.
Neben allgemeinen Tipps zur Virenabwehr wie dem häufigen Händewachsen, dem Fernhalten der Hände vom Gesicht oder dem sogenannten hygienischen Husten und Niesen regelt in Niedersachsen nun ein gemeinsam von Gesundheits- und Kultusministerium herausgegebener Hygieneplan für Schulen des Landes das Verhalten im Fall von Ansteckungen. Infizierte Kinder dürfen die Schule nicht besuchen. "Wir sind weiter wachsam, aber es besteht kein Grund zu Panik", sagte ein Sprecher des Kultusministeriums. Sogenannte Koordinierungsgruppen beobachten die Entwicklung nach Schulbeginn weiter. Falls an einzelnen Schulen gehäuft zu Erkrankungen komme, werde man vor Ort die notwendigen Maßnahmen ergreifen.
Ähnlich verhält es sich in Thüringen, wo ein Erkrankter auf rund 22 200 Einwohner kommt. Auch dort rechnen die Experten damit, dass die Zahl der Betroffenen in den nächsten vier Wochen auch unter Schülern steigen werde. Trotzdem sei die Lage im Moment noch nicht bedrohlich. "Bei uns gibt es aktuell 103 Fälle der Schweinegrippe. Unter den Erkrankten gibt es keine Schulkinder. Es sind überwiegend junge Arbeitnehmer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren", sagt ein Sprecher des Thüringer Gesundheitsministeriums. Erst wenn 30 Prozent der Lehrer oder Schüler erkrankt sind, sei der Unterricht gefährdet. In diesem Fall sei es den Gesundheitsämtern und Schulämtern vor Ort überlassen, die Schulen vorübergehend zu schließen.
In Sachsen wird genauso verfahren wie im Nachbarland Thüringen. Die Zahl der infizierten Kinder ist gering. Ingesamt sind im Bundesland 141 Menschen infiziert, ein Kranker kommt auf etwa 30 000 Einwohner. Die Entscheidung, Schulen vorübergehend zu schließen, ist den Gesundheitsämtern vor Ort überlassen.
In Sachsen-Anhalt wird ebenfalls nicht über eine Verlängerung der Ferien nachgedacht. Bis jetzt sind auch dort überwiegend Jugendliche betroffen, die ihren Sommerurlaub in Spanien verbracht haben. Zu Schuljahresbeginn werden sowohl Lehrer als auch Schüler über alle Details der neuen Krankheit informiert. Es sollen Informationsblätter an die Lehrer verteilt werden. In Bremen ging am Montag ein Informationsschreiben des Gesundheitsamtes an die Schulen, das nun allen Lehrer zugänglich gemacht werden soll.
Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen wird neben den Informationsmaterialien und den verstärkten Hygienemaßnahmen mittlerweile über eine Verlängerung der Ferien nachgedacht. Im Bundesland sind inzwischen 2 782 Menschen von der Schweinegrippe betroffen, auf 6 800 Bewohner kommt hier ein Infizierter. Das Gesundheitsministerium rechnet damit, dass durch die Reiserrückkehrer gerade in den nächsten Wochen sehr viele Kinder infiziert werden. "Wir prüfen alle Möglichkeiten. Die Schulverlängerung könnte eine Maßnahme sein, die Verbreitung einzudämmen", sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums in Düsseldorf.
Die Entscheidung zur Schulverlängerung in Nordrhein-Westfalen wird am kommenden Dienstag von einem Expertengremium getroffen werden. In der vergangenen Woche sind schon die Vertreter der Gesundheitsämter in Düsseldorf zusammengekommen, um über mögliche Maßnahmen gegen die Verbreitung zu beraten. "Für uns ist der Schulanfang in den anderen Bundesländern jetzt ein Testlauf. Wir können sehen, wie es sich dort in den ersten Woche entwickeln wird", sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums.