Anstehender Wahlkampf
Knifflige Kandidatenkür bei Rot-Grün

In die Kandidatendebatten für den Bundestagswahlkampf kommt Bewegung. Bei der SPD meldet sich Aspirant Steinbrück zurück, bei den Grünen erklärt sich Anwärter Trittin. Sicher ist: Selbstläufer wird es nicht geben.
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BerlinPeer Steinbrück war weg. Weit weg, in Afrika. Nach der Sommersafari meldet sich der frühere Finanzminister nun als Mitglied der SPD-Kanzlerkandidaten-Troika auf der Berliner Bühne zurück. Klar, habe er wieder Lust auf Politik, lautet die Botschaft des 65-Jährigen. „Ich glaube, es wird ein spannender, aber auch problematischer Herbst.“ Problematisch drohe die Euro-Rettung zu werden, prophezeit Steinbrück, ganz ausgewiesener Krisenmanager. Und Spannung verspricht nicht zuletzt die Frage, wen die Sozialdemokraten denn nun zum Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) küren. Auch beim Wunschpartner, den Grünen, nimmt das Schaulaufen Fahrt auf.

Just wenn Merkel nach drei Wochen Ferien an diesem Montag wieder ins Büro kommt, läutet Rot-Grün eine weitere Runde der komplizierten Kandidatendebatte ein. Bei der SPD prescht parallel zu Steinbrücks Wortmeldung am Wochenende ausgerechnet ein alter Vertrauter vor, um ihm von Kanzler-Ambitionen abzuraten: „Ich mag Peer Steinbrück viel zu sehr, als ich ihm das wünschen würde“, meint Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), der zu Zeiten der großen Koalition dessen Sprecher war. Sein Argument: Steinbrück, der sich gern unabhängig von der Parteilinie als Ökonom und Finanzexperte profiliert, würde das „Korsett“ des Kandidaten nicht gefallen.

Wie genau der Spitzenmann und damit auch der Wahlkampf strategisch verortet sein sollen, ist jedoch noch ungeklärt. Albig, der bei seiner eigenen Kampagne im Norden nicht gerade auf Polarisierung setzte, spricht gleich eine Empfehlung für Frank-Walter Steinmeier aus, der als Bundestagsfraktionschef eine tolle Arbeit mache und „ein guter Kanzler“ wäre. Dieser sei seit dem 23-Prozent-Desaster bei der Wahl 2009 „sehr gereift“ - damals war Steinmeier als Vizekanzler der ungeliebten großen Koalition schon einmal SPD-Spitzenkandidat.

Andere Genossen erinnern indes daran, dass ihr letzter erfolgreicher Kandidat ebenfalls von einer gewissen Distanz zur Partei zehrte, um auch für Wechselwähler attraktiv zu sein: der spätere Kanzler Gerhard Schröder. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Bartels macht sich denn auch für Steinbrück stark, der wegen seines Agierens in der Finanzkrise nach 2008 und des größeren ökonomischen Sachverstands die „beste Alternative“ zu Merkel sei.

Dass sich der Wahlkampf entscheidend um das Großthema Euro drehen wird, gilt dabei parteiübergreifend als sicher. Für die SPD ist die Lage aber knifflig. Denn Kanzlerin Merkel fährt für ihren Kurs stabil enorme Zustimmungswerte bei Umfragen ein. Und im Bundestag trugen die Sozialdemokraten bisher alle wegweisenden Euro-Beschlüsse mit - aller Kritik zum Trotz, wie die Linkspartei gerne stichelt.

Der dritte im Bunde der SPD-Anwärter, Parteichef Sigmar Gabriel, versucht schon die ganzen Sommerferien über sich mit Salven zu Schuldenkrise und sozialer Gerechtigkeit zu profilieren - obwohl er eigentlich in einer selbstverkündeten Babypause für seine kleine Tochter ist. Die Banken müssten hart an die Kandare, die Reichen mehr „sozialen Patriotismus“ zeigen. Und angesichts einer über die Europäischen Zentralbank längst existierenden gemeinsamen Schuldenhaftung müsse die „Anarchie“ im Kreis der Euro-Länder bei Steuern und Haushalten überwunden werden.

Wie sich die Krise weiterentwickelt, ist aber offen. Und zu früh festlegen wollen sich die in einer „Troika“ aneinandergebundenen Spitzengenossen auch deswegen nicht - selbst wenn parteiintern manche nach einer rascheren Entscheidung rufen, um Merkel rechtzeitig Paroli zu bieten. Steinbrück wie Gabriel machen aber noch einmal unisono klar: Ausgerufen werde der Kanzlerkandidat erst „um die Jahreswende“. Dabei sieht auch Gabriel, dass seine „Partnerrivalen“ derzeit in Umfragen besser dastehen - jedoch alle mit Rückstand zu Merkel.

Derweil zeichnet sich auch bei den Grünen ab, dass die Kür der Wahlkampf-Zugpferde kompliziert werden könnte. Am Wochenende verkündet Fraktionschef Jürgen Trittin wie allseits erwartet seine Bewerbung um einen der zwei Spitzenkandidaten-Posten und verbindet das gleich mit einer Absage an eine schwarz-grüne Koalition. Als erste hatte sich schon die Parteivorsitzende Claudia Roth gemeldet.

Beide werden aber immer noch eher dem linken Flügel zugerechnet, was nicht alle in der Partei goutieren. Die baden-württembergische Fraktionschefin Edith Sitzmann plädierte denn auch für ein Duo aus Trittin und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. Anfang September soll klar sein, ob eine Urwahl über das Spitzenteam entscheiden soll, zumindest wenn sich noch mehr Bewerber melden.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Der eine ist nicht schlechter als der andere, aber als Kanzler kann ich mir keinen der ambitionierten Kandidaten vorstellen.

    Ich kann und will mir einen Lehrer Trittin in verantwortlicher Position in der Politik nicht vorstellen. Da ist der Herr Schmitz aus Kölle ein weitaus besserer Kandidat.

  • Natürlich werden die Bilderberger Trittin und Steinbrück Spitzenkandidaten.

    Es gilt doch, das deutsche Volksvermögen in Umlauf zu bringen.

  • Intermezzo in einer Paralellwelt:
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    Wir schreiben das Jahr 2013. Rot-Grün hat die Wahl gewonnen und Gabriel ist Kanzler.
    Trittin wird Finanzminister und Roth Außenministerin.
    Die erste „Amtshandlung“ der neuen ReGIERung ist es, den ESM, Eurobonds und die Schuldenunion „durchzuwinken“.
    Deutschland wird zum Sozialamt Europas und „übernimmt“die 15Billionen€ Schulden des ClubMed und deren Pleitebanken. Deutschland ist pleite und die €-Zone wird aufgelöst. Deutschland bleibt auf den Schulden sitzen und der ClubMed führt sein Dolce Vita weiter.
    Trittin und Gabriel setzen sich in die Toscana ab, Roth in die Türkei.
    Deutschland ist nun 4. Welt und auf „Care-Pakete“ angewiesen.
    Renten-und Krankenversicherung wurden abgeschafft - da pleite - und die„Bürger“ wühlen in Mülltonnen nach Essensresten.
    Aber es ist ja „nur“ ein Rot-Grüner Traum.

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