Antisemitismus in Deutschland
„Oh, guck mal, ein Jude!“

„Kindermörder“, „Juden-Schwein“: André ist fassungslos, wenn er mal wieder beschimpft wird – weil er Jude ist. Mit „neuem Antisemitismus“ hat das nichts zu tun. Denn beleidigt wird er nicht erst seit dem Gaza-Konflikt.
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DüsseldorfWut kocht in ihm hoch. Und Hilflosigkeit. Immer dann, wenn ihm wieder einer etwas hinterherruft, was judenfeindlich ist. Dann ist da dieses elendige Gefühl in ihm, dieses Gefühl, sich nicht zur Wehr setzen zu können. Meistens reagiert er nicht. Nicht auf „Juden-Schwein“ oder „Kindermörder“, nicht auf Pöbeleien und Verachtung, auch nicht, als einer vor ihm ausspuckt. Nur manchmal kann er die Wut nicht zurückhalten. Dann schimpft er zurück.

André ist 26. Mit seinen hellbraunen Haaren, dem Drei-Tage-Bart, den braunen Augen und der schwarzen Brille, der schlaksigen Gestalt und dem nachdenklichen Blick fiele der Student im Café Miss Moneypenny in Düsseldorf oder sonst wo nicht weiter auf. Trüge er nicht die Kippa. Sie ist der Grund, weshalb André Aufmerksamkeit auf sich zieht. Denn André ist Jude – und die Kippa kennzeichnet ihn.

Dass er die Kopfbedeckung trägt, liegt natürlich an seinem Glauben, er trägt sie nicht aus Patriotismus. „Die Kippa erinnert mich daran, diszipliniert zu sein, moralisch gut zu handeln“, sagt André. Sie sei ein Teil von ihm, der seine Persönlichkeit unterstreiche, ein Ausdrucksmittel. So wie manche Homosexuelle ihrer Sexualität mit der Regenbogenfahne Ausdruck verleihen würden. So ähnlich sei das bei ihm.

Er will nicht auf seine Kippa verzichten, nur weil sie die Aufmerksamkeit auf ihn zieht – manchmal mehr als ihm lieb ist. Er sagt: „Wir leben in Deutschland im Wohlstand, in einer behüteten Gesellschaft, in der wir nur sehr wenig verteidigen müssen.“ Nur, weil die Kippa Probleme mache, würde er sie nie ablegen wollen. „Manche Freiheiten muss man jeden Tag wieder verteidigen. Das ist dann eben der Preis.“

Zwei Tage nach Beginn der israelischen Gaza-Offensive steht André vor einem der Kühlregale in einem Supermarkt in Düsseldorf-Bilk, um Milch zu kaufen – wieder mit Kippa. Ein Mann neben ihm mustert ihn. Gut gekleidet, im Anzug, beschreibt André ihn. Er denkt sich nichts dabei. Denn André wird oft gemustert. Dann schreit der Mann ihn an, mitten im Supermarkt: „Du Scheiß-Jude, du Kindermörder.“

Kommentare zu " Antisemitismus in Deutschland: „Oh, guck mal, ein Jude!“"

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  • Nach den Ereignissen der letzten Wochen muss man sich wirklich wundern. Sind wir wieder zurück in den 30er-Jahren? Zurück in der Weimarer Republik? Ein fanatisierter Mob tobt durch die Straßen, brüllt "Tod den Juden", geht auf Passanten los, die irgendwie jüdisch aussehen oder für Israel Partei ergreifen. Und die Polizei schreitet nicht ein. Willkommen in Deutschland 2014.
    Ok, der neue Judenhass hat in Europa meistens einen Migrationshintergrund. Viele Umfragen der letzten Jahre haben diese Verbindung ganz klar bestätigt, auch wenn unsere Medien es nicht für nötig hielten, diese zu veröffentlichen.
    Ich persönlich habe mich oft gefragt, wie konnte es in Deutschland vor 75 Jahren so weit konnte. Die letzten Tage geben vielleicht eine Antwort darauf. Denn mindestens genauso erschreckend wie der öffentlich ausgelebte Judenhass ist das Schweigen wie auch das Unterstützen vieler Deutsche (häufig aus dem linken Umfeld). Man könnte fast den Eindruck bekommen, viele sind froh, dass ihnen die Drecksarbeit diesmal von den Zugewanderten abgenommen wird.
    Klar, nicht jeder Israelkritiker ist ein Judenhassen. Interessanterweise regt sich aber kein Protest, wenn Sunniten und Schiiten einander massakrieren oder wenn im Irak Häuser von Christen mit einem N für Nasrani markiert werden damit diese nach der Vertreibung der IS zufallen.
    Noch ein wichtiger Punkt: Es ist NICHT so, dass der verbreitete Antisemitismus (besonders in der arabischen Welt) eine Folge des Nahostkonflikts ist. Er benutzt den Nahostkonflikt nur als Tarnfarbe und Vorwand.

  • André wird in englisch angesprochen, weil man ihn für einen Israeli hält. Da nur die wenigsten Juden in Deutschland mit einer Kippa bekleidet sind hält man André für einen Israeli - und setzt ihn mit der Politik dieses Landes (Israel) gleich.
    Ja, viele in Deutschland sind wütend auf Israel. Auf einen Staat der gegründet wurde von Menschen die Ausgrenzung, Hass, KZ erlebt hatten - oft am eigenen Leib. Wie können solche Menschen dazu beitragen, dass der Staat genau so (fast) mit den Palästinensern umgeht? Und - wir in Deutschland müssen noch heute an Israel zahlen. Doch was wird mit unserem Geld gemacht? Raketen auf UN-Schulen geschossen - Mauern um Gaza gezogen. Ja, das macht mich wütend!
    Aber wehe es wagt jemand in der Öffentlichkeit etwas gegen Israel zu sagen - schon schreit eine Frau Knoblauch "Nazi".
    Kritik - auch massive muss erlaubt sein! Sonst entläd sich die aufgestaute, berechtigte Wut an unbeteiligten Andrés.

  • Auch wenn man es noch so oft schreibt: Antisemitismus und Judenhass sind zwei unterschiedliche Dinge. Ersteres umfasst alle semitischen Völker und ist demnach nicht auf Juden beschränkt. Man würde ja einen Deutschlandhasser auch nicht als antieuropäisch bezeichnen...Humanitäre Katastrophe ist genauso unsinnig

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