Arbeiten bis 67
Das böse Renten-Einmaleins

Trotz massiver Proteste der Gewerkschaften verabschiedet der Bundestag am heutigen Freitag die Rente mit 67. Die große Koalition verspricht sich davon eine Entlastung der Alterskassen. Doch ob das Gesetz Bestand haben wird, ist ungewiss. Experten halten die eingebaute Ausnahmeregelung für nicht verfassungsfest.

BERLIN. Besonders freundlich ist der Empfang selten, wenn SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering derzeit bei einer Gewerkschaft auftritt. Dann schrillen die Trillerpfeifen, und aus dem Publikum wird schon einmal ein Plakat mit der Aufschrift „Arbeiterverräter“ hochgehalten. „Genosse Müntefering“ bereite „sklavisch“ den „Weg in die Rentnerarmut“, ätzt IG-Metall-Boss Jürgen Peters. „Wer ohnehin nichts hat, dem nimmt die Regierung noch den Rest“, wettert IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel, der noch bis 2002 für die SPD im Bundestag saß: „Das vergessen wir denen nicht!“

Mögen bei der Bundestagswahl 69,4 Prozent für eine der beiden Regierungsparteien gestimmt haben – die Rente mit 67 lehnen zwei Drittel der Bevölkerung ab. „Die haben zwar die Macht, aber wir sind das Volk“, schürt Wiesehügel schon vorrevolutionäre Fieberträume. Die große Koalition lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie wird heute im Bundestag mit deutlicher Mehrheit die stufenweise Anhebung des gesetzlichen Rentenalters ab 2012 beschließen. Selbst vom linken SPD-Flügel sind nur wenige Gegenstimmen der üblichen Bedenkenträger zu erwarten.

Das Parlament mag bei seinem Votum nicht die Straße hinter sich haben, wohl aber die Regeln der Mathematik und den Rat praktisch aller ernsthaften Experten. Wegen der steigenden Lebenserwartung hat sich seit 1970 die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bereits von zehn auf 17 Jahre verlängert. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der erwerbstätigen Beitragszahler. Bis 2030 erwarten die Statistiker eine weitere Verlängerung der Lebenserwartungen von Rentnern um 2,8 Jahre. Die Konsequenz: Entweder schießt der Beitragssatz dann über 22 Prozent hinaus, oder Ein- und Auszahlungsphase werden wieder ins Gleichgewicht gebracht. „Die Rente mit 67 ist ein Muss, wie sich jeder mit Hilfe der vier Grundrechenarten ausrechnen kann“, sagt der Kölner Wirtschaftsprofessor Eckart Bomsdorf.

Entsprechend eindeutig fiel der Rat der Experten bei der Anhörung des Bundestages aus. „Ich sehe keine Alternative“, sagte Axel Reimann, der Direktor der Deutschen Rentenversicherung. „Das ist ein sehr wichtiger Entwurf. Ich hoffe, dass er umgesetzt wird“, erklärte der Wirtschaftsweise Bert Rürup. „Um dauerhaft eine finanzielle Entlastung zu realisieren, muss das gesetzliche Rentenalter angehoben werden“, gab die Bundesbank zu Protokoll.

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